Zu Fuß durch das Brühlbachbett

Verfasser: Frieder Zürcher

Die Idylle der Bilderbuchlandschaft rund um den Wasserfall lenkte in diesem Jahr Massen von Tagestouristen nach Bad Urach. Die neue Beschilderung schleuste sie in die touristische Mainstream der Premiumwege. Während die Wanderer ihr lohnendes Ziel, das Rauschen des Wasserfalls mit abkühlender feuchten Luft erreichten, bot sich nur gute 300 Meter von der Bahnhaltestelle „Wasserfall“ ein trauriges Bild: Es ist der Brühlbach, der in diesem Jahr zum zweiten Mal in einer Länge von ca. 750 Metern bis weit in den Oktober hinein streckenweise vollständig ausgetrocknete. Kurz nach dem Reiterhof bis ins beginnende Kurgebiet zeigte sich dem einsamen Wanderer fernab der touristischen Ströme und doch in so unmittelbarer Nähe ein gespenstisches Szenario. Das ist nicht fotogen; es wird auch kaum in einer touristischen Hochglanzbroschüre zu finden sein. Aber gerade diesem fast apokalyptischen Gegensatz zur benachbarten Idylle muss sich der kritische und nachdenkende Mensch stellen. Es geht um das Thema Wasser, das in den nächsten Jahren das zentrale Thema weltweit und auch in Europa die Menschen beherrschen wird.

Die Berichte der Wissenschaftler lassen aufhorchen. Die einst paradiesischen Flusslandschaften entlang des Tigris und Euphrat im Süden Iraks trocknen gegenwärtig in dramatischer Weise aus. Auch der Iran erleidet die längste und schwerste Trockenheit seit 500 Jahren. Während die großen Flüsse zunehmend gestaut werden, trocknet das Land aus. Doch Fehlplanungen sind nicht allein die Ursache für das beginnende Drama. Klimaforscher erkennen in der lang anhaltenden Dürrezeit zweifellos die Auswirkungen des von Menschen verursachten Klimawandels. Sollte in diesen Ländern nicht ein schnelles Umdenken geschehen, wird es zur größten klimabedingten Landflucht führen, die es bisher gab. Doch ein rasches Handeln ist nicht in Aussicht.

Sollten sich die Prognosen der Klimaexperten bestätigen, werden in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten über 200 Millionen Menschen Ihre Heimatländer verlassen müssen. Denn betroffen von der lang anhaltenden Dürre ist nicht nur der Nahe und Mittlere Ostens, sondern auch die Staaten Nordafrikas. Waren bisherige Flüchtlingsströme bereits eine enorme Herausforderung für Europa, ist es im Vergleich dazu eine kleine Vorhut. Einem doppelten Problem hinsichtlich des Wassers wird Europa dann gegenüberstehen: Zum einen benötigt eine immens zunehmende Bevölkerungszahl in Europa mehr Wasser.

Daneben aber deutet sich bereits heute schon ein Problem an; und damit ist der Ausgangpunkt mit dem kleinen Brühlbach in Bad Urach wieder erreicht und der weltumspannende Bogen vom Euphrat nach Bad Urach gespannt: Auch in Europa wird das Wasser schon sehr bald ein knappes Gut werden. Warnende Stimmen hört man lange schon, die darauf hinweisen, dass beispielsweise die Gletscher in unerwartetem Tempo schmelzen und damit Seen und Flüsse nicht mehr speisen. Hat das vielleicht auch etwas mit der Mobilität zu tun, die der Mensch in Deutschland immer noch als uneingeschränktes Rechtsgut betrachtet und mit der damit verbundenen Klimabelastung? Hat das letztlich auch etwas mit dem zunehmenden Tagestourismus zu tun, der der geplagten Natur nicht einmal mehr den siebten Tag als Ruhetag gönnen möchte? Der Wasserfall wird vermutlich weiterhin ein begehrtes Ausflugsziel des Tagestouristen bleiben; der Brühlbach jedoch könnte als Anschauungsobjekt das Ziel nachdenkender und kritischer Umweltfreunde werden; für Einheimische sogar jederzeit per Fuß erreichbar.