Zahlenspiel (3)

von: Frieder Zürcher

Die Automobilindustrie boomt wie nie zuvor. Deshalb zelebrierte sie ihr Erntedankfest 2015 fröhlich-optimistisch. Die Gewinnsteigerung bei Mercedes wurde Daimler-Chef Dieter Zetsche auch ordentlich honoriert: Nach bescheidenen 8,4 Mio. € 2014 kassiert er 9,7 Mio. € für 2015, so der Geschäftsbericht des Konzerns. Herzlichen Glückwunsch, Herr Zetsche! Ob solche Gehälter ethisch verantwortbar sind, müssen sich die Konzerne fragen und kann an dieser Stelle nicht erörtert werden.

Die Freude am Erfolg der Autoindustrie wird jedoch getrübt, wenn man sich den Preis anschaut, zu dem dieser Erfolg erkauft wurde.

100 Fußballplätze täglich! Landraub der Automobilindustrie

74 Hektar fruchtbarer Boden gehen in Deutschland täglich allein für den Bau von Häusern und Straßen verloren. Ist wertvoller Mutterboden zerstört, ist er in gleicher Qualität nicht wiederzugewinnen. Vom Flächenverbrauch für den Verkehr fallen dabei 86,5% auf die Straße und nur 1,8% auf Rad- und Fußwege. Der Deutsche lebt im Durchschnitt auf 46,7 qm Wohnfläche. Zum Rumfahren aber benötigt er 224 qm. Wofür schlägt sein Herz? Mehr Autos bedeutet mehr Straßen. So also diktiert die Autoindustrie durch ihre hemmungslosen Produktionsrekorde seit Jahrzehnten Bund, Land und Kommunen ihre Straßen- und Parkplatzerweiterungen auf: Seit 1990 über 1700 Autobahnkilometer zusätzlich.

134 PS und die Mär von der Effizienz!

Zwischen 2007 und 2011 ist die durchschnittliche Motorleistung von Neuzulassungen von 95 auf 134 PS gestiegen. Während ein VW-Golf I (exemplarisch) der 70-er Jahre ca. 750 kg wog, bringe der Golf VII (2012) 1,3 t auf die Waage. Würde der heutige Stand der Technik auf frühere Größenverhältnisse übertragen, wäre der durchschnittliche Spritverbrauch von 3 ltr/100 km Standard. „Der naive Glaube an die Effizienz moderner Technik wird uns Kopf und Kragen kosten“, meint Prof. H-J. Schellnhuber, einer der weltweit führenden Klimaforscher. Außerdem wird die hochgelobte Effizienz neuer Motoren durch die drastische Zunahme des Verkehrs mehr als kompensiert: Seit Mitte 1990 hat der Gütertransport auf der Straße um 60% zugenommen. Im privaten Verkehr kommen auf 1000 Einwohner inzwischen weit mehr als 5oo Autos.

3450 Verkehrstote. Wann gibt es einen Gedenktag?

Dieses Diktat der Autoindustrie wirft einen langen traurigen Schatten auf Deutschlands Straßen: Erstmals seit 1991 ist 2015 die Zahl der Verkehrstoten in zwei aufeinander folgenden Jahren gestiegen. 3450 Menschen kamen zu Tode. Damit summiert sich die Gesamtzahl seit der ersten Erfassung in den 1950er-Jahren auf 699.240 Personenen. Das entspricht der Einwohnerzahl von Frankfurt/Main. Wen lassen diese Zahlen im Kontext von Trauer und Traumatisierung kalt? Ob motorisierte Mobilität Segen oder Fluch bedeutet, hängt davon ab, wer das beurteilt: der Vorstandsvorsitzende eines Autokonzerns oder die Mutter, die um ihr Kind trauert.

2,7 bis 6,6 oder: die Abgaslüge und das Lügengebäude deutscher Politiker

Dienstag, 16.02., 21.00, ZDF: Frontal 21 deckt schonungslos den Hintergrund des VW-Abgasskandals auf. Der Inhalt der Dokumentation kurz skizziert:

  • Nicht nur VW, sondern auch Fahrzeuge von BMW, Mercedes und Renault stehen im Verdacht, unzulässige Abschalteinrichtungen eingebaut zu haben.

  • Die Abgasprüfstelle der Berner Fachhochschule ging im Auftrag des ZDF dem Verdacht nach und prüfte die Stickoxidemissionen eines BMW 320d, eines Mercedes C200CDI und eines Renault Laguna dCi. Ergebnis: Auf dem Rollenprüfstand erfüllten alle Autos die Abgasnorm Euro 5 von maximal 180 mg/km Stickoxid (NOx).

  • Danach wurde für den Test auf der Straße ein mobiles Messgerät eingebaut. Ergebnis: Nach Abzug aller Messabweichungen erhöhte sich der NOx-Wert gegenüber dem Labor bei Mercedes um das 2,7-fache, bei BMW um das 2,8-fache und bei Renault um das 6,6-fache.

  • Die enormen Emissionsunterschiede zwischen Rollenprüfstand und Straßenfahrt sind „technisch nicht erklärbar“.

  • Es ist nach den Ergebnissen der ZDF-Stichprobe davon auszugehen, dass dieser Skandal die gesamte Automobilindustrie durchzieht, kommentiert Professor Kai Borgeest von der Hochschule Aschaffenburg.

  • Unabhängig von diesem Test wurde das Bundesverkehrsministerium von Brüssel aus bereits seit Jahren auf überhöhte Grenzwerte hingewiesen. Auch deutsche Umweltverbände informierten, namentlich die Deutsche Umwelthilfe (DUH)

Der Bundesregierung liegen dazu keine Erkenntnisse vor“,

tönt schamlos Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt im ehrwürdigen Bundestag. Nicht zu leugnen ist, dass die Politik sich schützend vor der Autoindustrie verbeugt, weil wirtschaftliche Interessen ihr wichtiger sind als die Gesundheit der eigenen Bürger. Doch auch für Herrn Dobrindt sollte gelten: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden. Wären diese biblischen Werte deutsche „Leitkultur“, sähe es anders aus - auch auf deutschen Straßen. Doch die Realität ist düster: die Politik ist selbst verstrickt in ein Netz von Lüge und Verschleierung. Doch auch das Haus der deutschen Automobilindustrie steht ohne moralisches Fundament auf sandigem Boden. Wer nach der Aufdeckung dieses Skandals noch an die vielgelobten deutschen Tugenden von Ehrlichkeit und Fleiß glaubt, ist entweder naiv oder selbst immunisiert durch den Glanz schwerer Karossen.

10 400 Menschen hätten gerne länger gelebt!

Die Folgen für Mensch und Umwelt sind fatal: Die Europäische Umweltagentur hat nachgewiesen, dass in Deutschland 10 400 Menschen im Jahr 2012 allein an den Folgen erhöhter Stickoxide vorzeitig gestorben sind. Um ein vielfaches höher aber liegen asthmatische Erkrankungen, Atemwegsbeschwerden und Allergien in Folge erhöhter Emissionswerte. Hauptverursacher weit überhöhter Stickoxidwerte ist nach Angaben wissenschaftlicher Institute in Karlsruhe der Straßenverkehr.