Zahlenspiel (2)

Lino und Alex. Dettingen (Erms), 20.03.2015
Lino und Alex. Dettingen (Erms), 20.03.2015

Eine schockierende Bilanz öffnet sich dem, der auf der Homepage des Statistischen Bundesamtes in den Tabellen blättert und dort unter „Lange Reihen“ die „erfassten Straßenverkehrsunfälle und Verunglückte (ab 1950)“ findet. Besonders erschreckend dabei ist die Anzahl der Getöteten:

695.791

Das ist die Gesamtzahl der Deutschen, die seit Beginn der Berechnung im Straßenverkehr ums Leben kamen. Die aktuelle Einwohnerzahl von Stuttgart beträgt 2015: 604.297 und von Frankfurt 701.350. Seit 1950 opferte Deutschland auf dem Altar der Straßenmobilität eine komplette Großstadt.

19.193

Laut Verkehrsstatistik war dabei 1970 das dunkelste Jahr in der Geschichte des Straßenverkehrs. Knapp 20.000 Menschen verloren ihr Leben.

3377

Soviel Personen starben auf deutschen Straßen im Jahr 2014. Auch wenn die vergangenen Jahre eine positive Tendenz aufweisen, gibt es immer noch kein Grund stolz auf diese „Leistung“ zu sein, denn es sind noch 3377 Personen zu viel.

281 …

… Personen sterben umgerechnet pro Monat im Straßenverkehr. Kämen so viele deutsche Bürger monatlich durch den Flugverkehr zu Tode, würde sich vermutlich kaum jemand mehr in ein Flugzeug setzen. Dabei bleibt die Frage offen, woher der Straßenverkehr die hohe Akzeptanz bezieht. Welcher Politiker hält am Ende eines Monats eine Traueransprache, wo sieht man einen Trauerflor und wer hisst den Halbmast?

127.919 …

… Deutsche kamen in den vergangenen 20 Jahren (seit 1994) im Straßenverkehr ums Leben. Begrenzt man die Anzahl der langfristig Trauernden auf einen engen Kreis von nur zehn Personen, so sind es ca. 1,3 Mio. Menschen, für die das Leben niemals mehr so sein wird, wie es einmal war. Für viele dieser Menschen besteht die Chronologie des Lebens nur noch in „Davor“ und „Danach“. Dies gilt gleichermaßen für diejenigen, durch deren Fahrlässigkeit ein Mensch im Straßenverkehr zu Tode kam. Viele, die einen Nahestehenden durch ein Unglück verlieren, sind langfristig traumatisiert. Daran wird deutlich, dass dieser Einschnitt in das Leben eines Menschen auch eine hohe psychologische, soziale und gesellschaftsprägende Dynamik entwickelt.

0 Verkehrstote

Die erschreckende Bilanz der seit 1950 im Straßenverkehr tödlich Verletzten wirft einen langen und dunklen Schatten auf des Deutschen liebstes Kind: das Auto und damit auch auf die Auto- und Motorradindustrie, die immer leistungsstärkere Motoren kreiert. Ist die Autoindustrie „ein Segen“, wie sie häufig von entsprechender Seite gelobt wird? Das hängt allein davon ab, wer die Antwort darauf gibt: der Vorstandsvorsitzende eines Automobilkonzerns oder die Mutter, die um ihr Kind trauert! Bittere Realität ist: Für mehr als 3300 Menschen jährlich wird dieser Segen zum Sarg.

„Vision Zero“ lautet das Konzept, das ursprünglich aus dem amerikanischen Arbeitsrecht seinen Weg in das schwedische Straßenverkehrsrecht fand. Von dort aus wurde „Vision Zero – Null Verkehrstote“ ein dauerhaftes Projekt des Verkehrsclubs Deutschlands (VDC). Es geht davon aus, dass technische Verbesserungen und Aufklärungskampagnen längst nicht ausreichen. Im Masterplan des VCD werden konkrete Schritte gefordert, die weit über diese Vorstellungen deutscher Verkehrspolitik hinausgehen. Dazu gehören u. a. die Null-Promille-Grenze am Steuer, eine Leistungsbegrenzung bei PKW, ein Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen, 90 auf Landstraßen und 30 innerorts. Doch trotz positiver Vorbilder aus dem europäischen Ausland weigert sich die Bundesregierung bislang, Vision Zero zum Leitkonzept zu machen. Lediglich einzelne Bundesländer wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz bei der Verkehrssicherheitsarbeit. (Frieder Zürcher)