Was ist Subsistenz?

Das Reutlinger Projekt “Urban Gardening”, im Herzen der Stadt.

Der Begriff taucht heute in Verbindung mit der Nachhaltigkeitsdebatte, dem Klimawandel und der wachsenden Kritik an der hemmungslosen Wachstumsökonomie auf.

Im ökonomischen Sinne ist eine Bedarfswirtschaft gemeint, bei der die wirtschaftliche Produktion in erster Linie der Selbstversorgung dient und auf die Deckung des Eigenbedarfs zielt. Deshalb wird der Begriff heute zunehmend in Zusammenhang der Entwicklung einer Postwachstumsökonomie verwendet.

Die globale Wachstumsökonomie plündert rücksichtslos und in gigantischem Ausmaß die Ressourcen der Erde. So sind seit Jahresbeginn bis zum 13.08.2015 weltweit bereits so viele natürliche Ressourcen verbraucht worden, wie die Erde innerhalb eines Jahres erzeugen kann. Dabei verschiebt sich der sogenannte „Welterschöpfungstag“ immer weiter nach vorn. Der jährliche Ressourcenverbrauch liegt weltweit also 50 Prozent zu hoch. Für den deutschen Verbrauch wären hochgerechnet sogar 2,6 Planeten nötig. Für die USA müsste man sogar vier Planeten bereitstellen.

Die Folgen des menschenverursachten Klimawandels sind bereits deutlich spürbar. Die Kurve der Erderwärmung stieg seit 1950 in nie dagewesenem Ausmaß. Eine derart hohe Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre wie aktuell gab es noch nie. 50 Prozent des CO2-Anstiegs seit 1750 hat in den letzten 40 Jahren stattgefunden. Ein Weiter-so würde bedeuten, unweigerlich in die globale Klimakatastrophe zu stürzen. Die Vorreiter dieser Apokalypse gehen bereits warnend voraus. Nutznießer des auf Kosten der Ökologie erbeuteten Wohlstands sind ausnahmslos alle. Niemand kann die Schuld auf andere schieben. Deshalb kann auch nur von allen, beginnend im Allerkleinsten, die Veränderung kommen.

Vor diesem Hintergrund erhält der Subsistenzgedanke seine Antriebskraft. Nicht mehr „Wertschöpfung“ durch Neuanschaffung, sondern Werterhalt durch Reparatur. So also entstehen in unseren Städten Repair-Werkstätten. Indem die Gebrauchsdauer eines Nutzgegenstands, egal ob Bügeleisen oder Waschmaschine verlängert wird, erhält die Wachstumsökonomie einen empfindlichen Stich. Zugleich fördert es die handwerkliche Kompetenz, die durch die feinmaschige Spezialisierung der Arbeitsabläufe in einer Wachstumsökonomie weitgehend verloren ging. Der Konsument wird Souverän. Die Selbstversorgung kann beim Kräuterbeet auf der Fensterbank oder der kleinen Gartenparzelle vor dem Haus beginnen. Weiter: Der Geschmack des selbst gebackenen Brotes ist ein Genuss und ein Unterschied wie Tag und Nacht zum „industriell erzeugten Brot“. Subsistent zu sein bedeutet Aneignung handwerklicher Fertigkeiten: Das Fahrrad zu reparieren, Reifen zu flicken usw. erspart die Fahrradreparaturwerkstatt. Welches Kind lernt das heute noch vom Vater? Wie häufig wird eine Bohrmaschine, Kreis- oder Stichsäge benötigt? Die Nachbarschaftshilfe in Form des Teilens erspart die Neuanschaffung. Immer wird es also um die eine Frage gehen: Wo wird durch konkretes Handeln der unselige Prozess der „Wertschöpfung“ und des Mehrwerts gestoppt und damit zugleich auch die Wachstumsökonomie beschnitten?

Immer größere Zustimmung erfahren Gemeinschaftsgärten als Nachbarschaftprojekte. Urban-Gardening ist hilfreich, eine ökologische Lebensweise im Bereich Ernährung umzusetzen und ist zugleich gemeinschaftsfördernd. Menschen arbeiten miteinander, erleben Wachstum von Pflanzen. Kinder erfahren wie gesät wird und wie eine Tomate aus dem eigenen Garten schmeckt im Unterschied zum roten Wasserklumpen aus Spanien.

Tausch- und Helferbörsen in Form von Vereinen oder Genossenschaften durchdringen inzwischen sogar den ländlichen Raum.

Noch sind dies alles Vorreiter einer Postwachstumsökonomie. Sie leben bereits jetzt schon, was die nächste Generation zwangsläufig leben muss, weil ökologische Notwendigkeiten ihr keinerlei Spielraum mehr gewähren. Vielleicht aber muss man gerade im Kleinen anfangen, um Visionäres zu leisten – oder den Anschub dafür zu geben. In diesen bislang nur punktuell verwirklichten und hier nur angedeuteten Subsistenzstrategien wächst eine neue Generation heran: „Teilen statt Besitzen“, „immer besser“ statt „immer mehr“ und „gut leben statt viel haben“, das sind die neuen Besitz- und Reichtümer ihres Lebens. Und gerade im Miteinander und Füreinander, im Teilen und miteinander arbeiten, in einer Ökonomie der Genügsamkeit, wird diese Generation das finden, was die vorherige nicht gefunden hat: echten Wohlstand und Glück. (Frieder Zürcher)