Letzte Chance Paris – November 2015

„Wieviel Erde braucht der Mensch?“

So überschreibt Leo N. Tolstoi seine faszinierende Kurzgeschichte des Bauern Pachom. Dieser fleißige Bauer ist zu Wohlstand gekommen; immer aber bleibt es ihm zu eng. So strebt er weiter nach Wachstum. Eines Tages erfuhr er, dass er im Baschkirenland guten und fruchtbaren Boden erwerben könne soviel er wolle und fast umsonst. Nachdem er sich ausreichend erkundigte, verkaufte er sein Besitz im Wert von tausend Rubel und machte sich auf ins Baschkirenland. Tatsächlich bestätigte sich alles, was er hörte, denn er fand besten Boden. Auch die Konditionen, das Land zu erwerben, schienen erfüllbar: „Wir verkaufen das Land tagweise; soviel Land, wie du an einem Tage umschreitest, soviel gehört dir, und der Preis für einen solchen Tag beträgt tausend Rubel.“ Einzige Bedingung: „ … kommst du nicht bis Sonnenuntergang genau an die Stelle zurück, von der du ausgegangen bist, dann ist dein Geld verloren.“

Bei den ersten Sonnenstrahlen machte er sich auf den Weg. Hier und da sah er eine Gegend oder ein Tal, wo es ihm Leid tat, es nicht mitzunehmen. In der Nachmittagshitze aber kamen ihm erste Zweifel, sich zu viel vorgenommen zu haben und doch zu weit gegangen zu sein. Er wirft alles von sich, beginnt zu rennen und verzweifelt zu erkennen: „Ach, ich bin doch zu gierig gewesen, sicher komme ich zu spät, und alles ist verloren“. Und obwohl er das Ziel schon im Auge hat und die Menschen, die dort auf ihn warten, bereits unterscheiden kann, sieht er bitter bestätigt: „Erde habe ich nun viel, aber ob Gott es mir auch geben wird, darauf zu leben? Ach, ich habe mich zugrunde gerichtet, …!“ Erschöpft erreichte Pachom noch vor den letzten Sonnenstrahlen das Ziel. Da versagen ihm die Beine. Als sein Knecht ihn aufheben wollte, sah er, dass Pachom bereits tot war.

Nimmersatt im Baschkirenland

Noch höher, noch schneller, noch weiter: Ziele einer rücksichtslosen und maßlosen Wachstumsökonomie der letzten sechs Jahrzehnte. Elf Tonnen CO2 verursacht jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr und liegt damit auf einer Spitzenposition in der Welt. Es dürften laut Weltklimarat aber maximal nur zwei Tonnen sein, um das Klima nachhaltig schützen zu können. Kein Wunder also, dass sich die Vorboten des Klimagaus bereits präsentiert haben: extreme Dürren, Sturmfluten und Überschwemmungen, Erderwärmung. In Folge dieser Ereignisse hörte man erste warnende Stimmen, zu weit gegangen zu sein. Nun ist der menschenverursachte Klimawandel in vollem Gange und Klimaexperten warnen vor der globalen Klimakatastrophe. Das Zeitfenster für den Handlungsspielraum würde noch zwei bis drei Jahrzehnte betragen. In diesen wichtigen Jahren ist es mit einer Energiewende nicht getan. Es muss eine Konsumwende stattfinden – eine radikale Konsumreduzierung. Kommt rechtzeitig vor dem globalen Gau die globale Erkenntnis: Zu gierig gewesen – zugrunde gerichtet? Das „Land“ - nicht erworben, sondern rücksichtslos erbeutet. Das Ziel: unersättliche, maßlose Gierde – nicht Wohlstand.

Man spricht bereits vom Weltrettungsgipfel und nennt ihn schon jetzt den wichtigsten Gipfel des Jahrhunderts: der Weltklimagipfel Ende November in Paris. Werden bei dieser „Schlusskonferenz“ (Nick Reimer) endlich die Weichen in entgegengesetzte Richtung gestellt oder wird die Umkehr zerredet? Werden weiterhin faule Kompromisse geschlossen? Wird man sich der Wirtschaftslobby beugen oder sich radikal auf die Seite ökologischer Interessen stellen? Noch ist es möglich kürzer zu treten. Viele Augen werden sich darum im November 2015 hoffnungsvoll nach Paris richten. (Frieder Zürcher)