Insekten – wo sind sie geblieben?

Früher waren die Scheiben nach längeren Autofahrten von zahlreichen toten Insekten völlig verschmiert. Heutzutage sind es nur noch einzelne Exemplare, die den Tod auf den Scheiben finden. Der Schwund der Insekten ist unübersehbar.

Die Bad Uracher Ortsgruppe von „Bündnis 90 / Die Grünen“ lud zu einer Informationsveranstaltung mit dem Agraringenieur und Entomologen Dr. Roland Borowka ein.

Das Insektensterben ist für die Gastgeber ein „Urthema“, denn die „Grünen“ haben sich 1983 als Ökopartei gegründet.

In jenem Jahr sang die Gruppe „Gänsehaut“ ein Lied über Karl, den Käfer. „Karl der Käfer wurde nicht gefragt, man hat ihn einfach fortgejagt“. Schon damals war das Thema aktuell. Doch inzwischen hat es sich weiter verschärft.

Mehr als die Hälfte der Ameisen, Tagfalter und Wildbienen stehen auf der roten Liste. Sie sind vom Aussterben bedroht.

Der Rückgang der Insekten betrug zwischen 1989 und 2014 unvorstellbare 76%. So steht es in einer Studie des entomologischen Vereins Krefeld, welcher Zählungen in Naturschutzgebieten durchgeführt hat.

Für Borowka spielt es keine Rolle, ob Insekten Sympathieträger sind, wie der Marienkäfer, oder nicht, wie die Mücke, denn Insekten sind für das Leben der Menschen unersetzbar.

Ohne Insekten brechen alle Nahrungsketten zusammen. Die Folgen sind unabsehbar, da viele Zusammenhänge und Abhängigkeiten in der Natur nicht bekannt sind. Wir wissen noch zu wenig über viele Insekten.

Wir wissen nur, dass die Auswirkungen uns treffen werden.

Bekannt ist allerdings, dass die finanziellen Schäden in die Milliarden gehen.

Dies liegt nicht an dem fehlenden Honig, den die Bienen produzieren.

Ohne Insekten werden Blütenpflanzen nicht bestäubt. Eine künstliche Bestäubung ist teuer und kann trotzdem nicht das leisten, was uns die kleinen Tiere kostenlos zur Verfügung stellen: ihre Arbeitskraft. Die Ernteausfälle sind riesig, die Auswirkungen auf unsere Ernährung katastrophal.

Dabei geht es nicht nur um die Bienen. Die Arbeit der Bestäubung übernehmen auch Schmetterlinge, Hummeln, Schwebfliegen, Käfer und andere zum Teil wenig bekannte Insektenarten.

Neben der Bestäubung haben Insekten auch eine große Bedeutung als Nahrungsreserven für die Zukunft.

Genauso, wie Garnelen und Schnecken, sind auch Maden und erwachsene Insekten Eiweiß- und Fettlieferanten. Sie können zu Viehfutter oder direkt zu menschlicher Nahrung verarbeitet werden.

Eine wachsende Menschheit wird auf solche Nahrungsquellen angewiesen sein.

Schon heute ernähren sich zahlreiche Menschen von ihnen.

Es gibt mehrere Ursachen für den starken Rückgang der Insekten.

Eine liegt an der Art der in der Landwirtschaft verbreiteten Methoden:

So wächst auf großen Flächen nur eine Pflanzensorte wie Mais oder Weidelgras, welche die bunte Blumenvielfalt der Wiesen verdrängt. Ackerraine und Hecken verschwinden, wodurch den Insekten Nahrung und Schutzräume fehlen. Schwere Erntemaschinen zerhäckseln Insekten. Und nicht zuletzt tötet auch die großflächige Ausbringung von Pestiziden.

Die Insekten verhungern, werden zerstückelt oder vergiftet.

Borowka weist darauf hin, dass die Landwirte für diese Entwicklung nicht alleine verantwortlich gemacht werden dürfen. Sie stehen unter finanziellem Druck, Arbeitskräfte fehlen und die Konsumenten wollen preiswerte Nahrung. Zu viele Verbraucher sind sich nicht über die Zusammenhänge zwischen ihren Ansprüchen und den Folgen für die Landwirte und die Natur bewusst.

Ein besonderes Problem sind die Neonicotinoide. Diese Insektizide, die in den letzten Jahren eine große Verbreitung fanden, töten auch Schmetterlinge, Bienen und Hummeln. 2008 sind rund 10.000 Bienenvölker durch dieses Gift gestorben. Kein Wunder, dass so manche Spaziergänger das Summen der Bienen an blühenden Obstbäumen vermissen.

Problematisch sind auch die synthetischen Pyrethroide. Pyrethrum ist ein natürliches Insektizid, das nach ca. 1 Woche zersetzt ist. Chemieunternehmen machten aus diesem ein schwer abbaubares Gift, welches nun über einen langen Zeitraum tötet.

Problematisch ist auch das Roundup-Herbizid Glyphosat, welches Wildpflanzen absterben lässt, und dadurch den Insekten die Nahrung raubt.

Doch nicht nur die Landwirtschaft sollte ökologisch wirtschaften, meint Borowka.

Auch Gartenbesitzer sollten sich angesprochen fühlen. So mancher Hobbygärtner spritzt eine höhere Konzentration an Giften als ein Landwirt.

Ein Steingarten, der mit Exoten bepflanzt ist, ist ein toter Garten. Insekten finden hier keine Nahrung. Dies gilt auch für hochgezüchtete Blumen, die keinen Nektar mehr produzieren.

Das frühe Rasenmähen zerstört die Lebensgrundlage vieler Tiere. Die Pflanzen kommen nicht in die Blüte und können keine Samen bilden.

Fehlen die Insekten, können auch Vögel ihre Jungen nicht mehr großziehen. Auch der Rückgang von Vögel wurde in den letzten Jahren registriert.

Wer die Natur erhalten will, muss ihr auch den Zugang zum eigenen Garten gewähren.

Ein insektenfreundlicher Garten bietet Insekten viele verschiedene Blumen, die Pollen und Nektar produzieren, und Bruträume, zum Beispiel in morschem Holz.

Am Ende seines Vortrages wies Borowka darauf hin, dass der Erhalt der Insekten sowohl eine individuelle wie auch gesellschaftliche Aufgabe ist, die jeden fordert.

Auch wer keinen Garten hat, kann etwas tun:

Der Kauf von ökologisch erzeugte Produkte verringert den Einsatz der Pestizide.

Auf Gemeindeebene lassen sich Grünflächen in Blumenwiesen umwandeln. Dies ist gleichzeitig mit einem geringeren Pflegeaufwand durch weniger Mähen und damit auch weniger Lärmbelastung verbunden.

Die Politik sollte den Ökolandbau fördern. Politiker haben geschworen, Schaden vom Volk abzuwehren. Hier ist ein Bereich, in welchem sie Weitblick zeigen und auch einen wichtigen Beitrag für die Gesundheit der Bevölkerung leisten können, betont Borowka.

Im Prinzip könnte jeder Bürger diese Forderung stellen, da jeder Hektar in der Landwirtschaft mit rund 200 Euro aus Steuergeldern subventioniert wird.

Es geht um die Frage:

Wie wollen wir Menschen leben.

Was wir heute vernichten, kann nie mehr zurückgeholt werden. Es ist für immer ein wichtiger Teil des Lebendigen verschwunden.

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