Eine Konferenz ohne Konsequenz

(Zum Klimagipfel in Paris im Dezember 2015)

25.01.2016, 10.00-12.00. SWR 1 - Leute. Zu Gast Hans-Joachim Schellnhuber, weltweit führender Klimaforscher, Klimaberater der Bundesregierung und er EU. Abschließende Frage mit ernüchternder Antwort: was es denn für eine Welt sein wird, die er seinem kleinen Sohne hinterlassen wird. „Es ist eine große große Belastung zu wissen, wohin wir uns bewegen und wie bedrohend alles ist.“

Paris, 12.12.2015. Die politischen Größen der Welt verabschieden sich im „Zusagenrausch“ (H-J. Schellnhuber); Bundesumweltministerin Barbara Hendricks sogar unter Tränen. Kaum haben sich die Konferenztüren geschlossen, dreht sich das Karusell der hemmungslosen Wachstumswirtschaft weiter um seine Götter, so als würden die drohenden Katastrophen die Ökonomen nicht berühren: „70% Rabatt für Ihre neue Traumwohnung“ posaunt Möbel Rieger. „In der Küche alles REDDY - 3000,-€ geschenkt“. Mit Verschrottungsprämien bis zu 4000 € überbieten sich VW, Audi und Co so offensiv wie noch nie und tarnen ihre Prämien dreist als Umweltprämie. Natürlich dürfen auch die Fluglinien im Chor dieser Verschwendung nicht fehlen: „Stuttgart-Asien. Der Traumurlaub mit Lufthansa für 499 €.“ „Durch ganz Europa ab 29,99 € mit Eurowings“. Natürlich nur für Frühbucher. Konsumdiktate der scheinbar Großen.

Nichts hat sich geändert, Frau Hendricks. Taten müssen folgen – nicht Tränen!

Diese aber folgen nicht – vor allem nicht rasch genug! Die weltweit globalisierte Ökonomie hat ihre eigenständige, hemmungslose Dynamik entwickelt. Die politischen Prozesse und Möglichkeiten aber sind viel zu schwach, zu kompliziert, zu langsam. Außerdem denken die Verantwortlichen auch nach Paris in „Dimensionen“ von 20 bis 35 Jahren (2050), so als könne der Mensch der Umwelt noch ein Moratorium abgewinnen.

Doch die Zeit läuft ab.

Sind die Folgen des Klimawandels nicht schon deutlich genug? Offensichtlich nicht, weil deren Auswirkungen vorwiegend auf der Südhalbkugel zu spüren sind. Noch! Ganze Küstenregionen sind dort bereits verschwunden, weil der Meeresspiegel dramatisch schnell steigt, Dürrekatastrophen führen schon jetzt zu Landflucht (Ursache des Bürgerkriegs in Syrien). Doch unaufhaltsam und mit verheerenden Folgen wird dies in den nächsten Jahren auch die nördliche Halbkugel zu spüren bekommen. Ein kleiner Vorgeschmack für Deutschland war das Jahr 2015 mit dem heißesten Sommer seit es Messungen gibt. Noch freut man sich am mediteranen Wohlgefühl. Doch schon in wenigen Jahren wird es auch in Europa zu Wasserknappheit kommen können, wenn die Gletscher weiter so rasant schmelzen. Und was wird sein, wenn sich Millionen Menschen aus Indien, einem der bevölkerungsreichsten Länder der Erde, auf die Flucht machen? Umgeben vom Meer droht den dortigen Küsten buchstäblich verschluckt zu werden. Sorge bereitet H-J. Schellnhuber die Geschwindigkeit der Veränderungen. Apokalyptische Vorreiter haben die Bühne der Welt betreten. Mancherorts erinnern sie bereits jetzt schon an die Bilder und Worte des Sehers Johannes aus dem letzten Buch der Bibel. Die weltweit Verantwortlichen aber streicheln mit dem großen Zeh halbherzig die Bremse; sie scheuen sich, die Notbremse zu ziehen.

Der Klimawandel ist kein individuelles Neutrum – der Klimawandel bin ich!

Sollen wir durch Mülltrennung die Welt retten?“ Auf diese humorvoll-provozierend gestellte Frage der Moderatorin folgte prompt die überraschend klare Antwort des renommierten Wissenschaftlers: „Ja, damit kann man anfangen“, Und er zählt all´ die kleinen Dinge auf, die, millionenfach angewendet bereits große Veränderungen brächten: bewusster und weniger Auto fahren; dafür aber zu Fuß gehen oder sich mit dem Rad fortzubewegen. Nur einmal in der Woche Fleisch essen, statt vier- oder fünfmal, dafür aber wissen, woher das Fleisch kommt. „Wer hier einmal hinter die Kulissen der industriellen Fleischerzeugung geschaut hat, dem vergeht der Appetit.“

Die größten Emissionen im privaten Bereich entstehen aber durch den Flugverkehr mit ihren gigantischen Expansionen der letzten zwei Jahrzehnte. Auf Urlaubsflüge verzichten, lautet die Empfehlung von H-J. Schellnhuber. Dazu ein ernüchternder Exkurs: 11 Tonnen CO2 verursacht jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr. Es dürften laut Weltklimarat aber maximal nur zwei Tonnen sein, um das Klima nachhaltig zu schützen. Ein Hin- und Rückflug von Stuttgart nach Las Palmas/Gran Canaria verursacht eine CO2-Menge von 2,64 t. (CO2 Rechner: myclimate). Traumurlaub?

Solange der Einzelne im privaten Alltag nicht den Zusammenhang erkennt zwischen gedankenlosem Griff zur Papier- und Plastiktüten beim Einkauf oder der bequemen Fahrt zum Bäcker ums Eck und dem Klimawandel, wird sich nichts Entscheidendes ändern.

Der (überlebens)notwendige Prozess zur Veränderung müsste aber dringendst von den Verantwortlichen in der Politik angestoßen werden. Deren gemeinsamer Konsens lautet jedoch unerschütterlich: „Verzicht steht nicht an erster Stelle!“ Es müsse die Energie nur effizient genutzt werden. Schellnhuber: „Die naive Effizienzgläubigkeit wird der Welt Kopf und Kragen kosten“, denn bis die tragfähigen Effizienzziele überhaupt erreicht werden können, ist es zu spät. Fakt ist: Am 13. August 2015 sind weltweit bereits so viele Ressourcen verbraucht worden wie die Erde innerhalb eines Jahres erzeugen kann. Dieser sogenannte „Welterschöpfungstag“ verschiebt sich jährlich um einige Tage nach vorn. Woher also kommt die Angst, diese Tatsachen als maßlos-egoistisches Leben auf Pump gegenüber nachfolgenden Generationen klar beim Namen zu nennen? Politischer Pragmatismus und Angst vor der eigenen Wählerschaft bilden ein schlechtes Erbe für künftige Generationen.

Taten müssen folgen – nicht Tränen, Frau Hendricks!

So unbequem es auch erscheinen mag, an der Reduzierung der Ansprüche geht kein Weg mehr vorbei. Dem Leben auf Pump und in Maßlosigkeit kann nur ein suffizienter Lebensstil gegenüberstehen. D.h., sich auf das zu besinnen, was man wirklich braucht. Suffizienz setzt auf ein Umdenken; hier aber liegt die größte Herausforderung, denn Glück wird immer noch verwechselt mit Besitz und Konsum oder einem kurzzeitigen Traumurlaub. Verzicht wird aber als negativ empfunden, weil er scheinbar gewohnte Bequemlichkeiten und Freiheiten einschränkt. Wenn es aber dadurch möglich ist, der nächsten Generation eine gute und sichere Welt zu hinterlassen, die auch ihnen noch Ressourcen zum Leben bietet, kann Verzicht auch als wohltuende Befreiung von Ballast und Überfluss erlebt werden. So lässt sich leichter über den Traumurlaub nachdenken, der auch ohne Flugzeug erreicht werden kann; und auch darüber, ob die Küche abgewrackt werden soll, bloß weil REDDY dies mit einem 3.000 €-Rabatt diktieren möchte. (Von Frieder Zürcher)