Eine andere Welt ist machbar

Rustikale Gemütlichkeit

Rustikale Gemütlichkeit

eines der vielen Projekte

eines der vielen Projekte

ländliche Idylle

ländliche Idylle

(von Frieder Zürcher)

Cobstädt, Thüringen. Was führt mich in die ländliche Abgeschiedenheit des Landkreises Gotha?

Seit Jahren entstehen europaweit neue, vom Gedanken der Nachhaltigkeit geprägte Lebensformen: Ökologische Dorfgemeinschaften, Siedlungen oder Hausgemeinschaften. Thüringen ist eine der Hochburgen in Deutschland. Hier finde ich eine jener neuen Lebensformen, die sich parallel zu unserer Gesellschaft entwickeln: Das LebensGut Cobstädt.

Ein Trend? Oder gar eine Neuauflage der Kommune-Bewegung der 60er Jahre? Bei weitem gefehlt! Fundament der neuen Lebensformen ist nicht der Protest, nicht die Rebellion. Es hat sich gezeigt, dass dies zu schwach ist als Rückgrat einer anderen Welt. Entstanden und im Entstehen sind Modellgemeinschaften und -regionen, die in der Lage sind, mit hoher Kompetenz und enormen Fachwissen, selbstversorgende Strukturen zu schaffen. Ökonomie und nachhaltige Ökologie bilden ein harmonisches Miteinander. „Ökodorf Sieben Linden“ (Sachsen-Anhalt), „Gemeinschaft Tempelhof“ (Baden-Württemberg) oder „Lebensgarten Steyerberg“ (Niedersachsen) sind einige der ganz Großen in Deutschland, wo sich die Gesamtanzahl inzwischen weit im dreistelligen Bereich bewegt.

Ein „Garten der Vielfalt“ am Jakobsweg

Thomas, der Leiter und Mitgründer vom LebensGut holt mich am Bahnhof ab. Es ist bereits dunkel, als wir das alte Pfarrhaus, Herzstück des Cobstädter Projektes, betreten. Die rustikale Ursprünglichkeit des alten Fachwerkhauses hat einen ganz besonderen Charme. Der Tisch in der Gemeinschaftsküche ist voll besetzt; Übernachtungsgäste, auf dem Jakobsweg. Denn im alten Pfarrhaus befindet sich auch eine Herberge für Pilger des ökumenischen Wanderwegs. Es gibt viele Besucher und Gäste im Haus. Trotz hoher Frequentierung fehlt es aber keineswegs auch an der nötigen Stille. Thomas findet sie für seine Familie in separater Wohnung.

Motivation, Ziel des Projekts LebensGut Cobstädt, Auswirkung auf die Gesellschaft. Viele Fragen bewegen mich, und ich bin erstaunt, wie sich Thomas immer wieder Zeit für seine Gäste nimmt.

Darum geht es tags darauf nach ausgiebigem Frühstück am Gemeinschaftstisch mit einer kleinen Gruppe von Gästen und Besuchern zu einem ausführlichen Rundgang. Zuerst um das Herzstück, das alte Pfarrhaus, Teil eines Gebäudeensembles, zu dem auch die alte Scheune zählt. Das LebensGut, inzwischen 13 Jahre alt, ist auf sieben Gehöfte gewachsen, die alle im Verbund miteinander vernetzt sind. So betreiben beispielsweise die „Grünschnäbel“ vom Biohof, unmittelbar neben dem Pfarrhaus, von den insgesamt neun Hektar landwirtschaftlicher Fläche 1,5 Hektar; damit können sie eine 5-köpfige Familie ernähren. „Erstaunlich effektiv, wenn man das mit konventioneller Landwirtschaft vergleicht“, meint Thomas stolz. Bevor wir den alten Pfarrhof verlassen, geht es an der ehemaligen Scheune vorbei. Für das kommende Jahr ist der Umbau in ein Seminar- und Meditationszentrum geplant. Regelmäßig sollen hier Seminare stattfinden. Für den Kauf und den Umbau aller Gehöfte ist Fremdkapital ein Fremdwort. „Es werden keine Kreditinstitute bedient“, betont Thomas ein wichtiges Prinzip. Zu einem Bruchteil im Vergleich zu westlichen Bundesländern konnten die Gehöfte im Dorf nach und nach erworben werden. Insbesondere der Genossenschaftsgedanke ermöglicht die Zukäufe. Darüber hinaus profitiert das LebensGut von vielen Fördertöpfen des Landes Thüringen, da das Projekt die Region aufwertet. Der Weg aus dem Gebäudekomplex führt uns vorbei an der Apfelsaftpresse. Seit Herbst 2017 ist es für Obstliebhaber möglich, den eigenen Apfelsaft pressen zu lassen. Wir passieren die Imkerei. Thomas gibt durch profunde Fachkenntnisse Einblick in die Welt der Bienen, bevor es endgültig auf die große Freifläche hinausgeht.

Der Schwerpunkt des LebensGut Cobstädt liegt im Erhalt und im Ausbau der Kulturpflanzenvielfalt. Besonders für alte Obst- und Gemüsesorten, aber auch für Beeren, Getreide und Kartoffeln. So werden beispielsweise 1000 alte Obstsorten entlang des Jakobsweges zwischen Weimar und Eisenach gepflanzt. Schulklassen und Kindergärten werden in die Arbeit mit einbezogen. Damit entsteht eine für alle zugängliche Genbank alter Obstsorten. Alte Sorten werden fotografiert, digitalisiert und so in Datenbanken erfasst. Ellen, eine junge, freundliche Fotografin hält sich in diesen Tagen auf dem Lebensgut auf; sie ist mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe betraut. Auf unserem gemeinsamen Rundgang erfahre ich viel über Veredelung und Züchtung, über Biodiversität und Mischkulturen. Unser Weg führt uns zum Gemüsesaatprojekt, zur Kräuterinsel und zum „Obstbaum-Kindergarten“. Abseits blüht auf einem Versuchsfeld in kräftig gelben Farben der Topinambur. Ganzheitlich-natürlicher Landbau als ökologische Alternative zur konventionellen Landwirtschaft – damit lässt sich die gesamte Arbeit wohl am besten überschreiben. So ist der „Garten der Vielfalt“ im Werden; besser gesagt: er blüht bereits.

Gelebte Sharing-Ökonomie

Mittlerweile leben, gestalten und arbeiten ca. 25 Erwachsene und 10 Kinder auf den verschiedenen Gehöften. Durch die enge Verbindung aller Gehöfte wird aber wie selbstverständlich auch die Sharing-Ökonomie gelebt. Food-, Güter- und Carsharing sind Ausdrucksformen gemeinschaftlichen Lebens. „Wie hoch ist Grad der Subsistenz?“, möchte ich wissen. „Wir haben inzwischen das Potenzial, uns zu 100% selbst zu versorgen“, meint Thomas stolz, „die Infrastruktur ist komplett vorhanden; in manchen Bereichen fehlen uns lediglich die Menschen.“

Dabei wird etwas sehr deutlich: Obwohl sich die bundesweite Initiative weitgehend nicht politisch versteht, ist sie eben doch ein Politikum. Ihre Arbeit verbindet die gemeinsame Vision, Modell zu sein mit wegweisendem Charakter für eine tragfähige Ökonomie auf der Grundlage nachhaltiger Ökologie. Hier ist der Brückenschlag zwischen effizienter Ökonomie und umweltverträglicher Ökologie bereits gelungen – wenn auch nur modellhaft. Hier wird bereits das gelebt, was politische Bemühungen nicht annähernd erreichen werden und auch ein Erneuerbares Energiegesetz in Idealform nicht ansatzweise zu Wege bringen kann. Ökologische Dorfgemeinschaften haben eine ökologische Bilanz, die zum Teil um 70-80% besser ist als der Bundesdurchschnitt.

Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ (Victor Hugo)

Thomas richtet seinen Blick in die Zukunft: Vielleicht ist der Tipping-Point bereits überschritten, jener Kipp-Punkt, an dem das weltweite ökologische System nicht mehr in der Lage ist, sich aus eigenen Kräften regenerieren zu können. Vielleicht werden Ökodörfer und Ökogemeinschaften einmal zu Archen, wenn die Versorgungskette reißt. „Je mehr Häuser und Dörfer mit Modellcharakter entstehen, desto besser“, zieht er Bilanz. „Vielleicht werden sie dann ihren Modellcharakter verlieren, weil sie zur Normalität geworden sind“! Das wäre ein Tipping-Point positiver Art. Eine andere Welt ist heute schon machbar. Das LebensGut Cobstädt liefert ein gelungenes Beispiel.

Weiterführendes:

www.lebensgut-cobstaedt.de

www.lebensgarten.de

www.schloss-tempelhof.de

www.siebenlinden.org

Global ecovillage network: https://de.wikipedia.org/wiki/Global_Ecovillage_Network

„Ein neues Wir“ (Film): www.youtube.com/watch?v=BsKq08gUf04