Die Sackgasse der Wachstumsökonomie

Teil II: Der Weg aus der Sackgasse
Verfasser: Frieder Zürcher

Die Geister vermischen sich: Entkoppelung, Innovation, Effizienz. Das sind die großen Schlagworte unserer Zeit, die uns den Glauben als Doppelpack vermitteln sollen: Alles wird sich ökologisch bestens entwickeln und niemand wird sich dabei in seinem Konsum und Komfort einschränken müssen. „Grünes Wachstum“ heißt das neue Mantra. Die alte Gottheit des Wachstums wird nicht entthront. Sie erhält lediglich neue dienstbare Geister an ihre Seite gestellt. Innovation, Effizienz und Nachhaltigkeit im Dienste des Wachstums! Nachhaltigkeit als Wachstumsmotor! So schließt sich der Kreislauf. Kann das der richtige Weg sein?

Grünes Wachstum: Ausweg oder neuer Irrweg? Ein aktuelles Beispiel aus der Automobilindustrie mag das Problem verdeutlichen: Fahrzeuge mit herkömmlicher fossiler Antriebstechnik sollen möglichst bis 2030, spätestens aber bis 2050 vom Markt verschwinden und durch E-Autos ersetzt werden. Effizient im ökologischen Sinne wäre die Umrüstung der Fahrzeugbestände, was aber technisch undenkbar ist. Das heißt, es geht bei neuer Technologie zugleich um Zuwachs neuer Bestandsgrößen (Gebrauchs- und Investitionsgüter, Produktionsanlagen, Infrastrukturen usw). Genau hier liegt der Haken, egal ob es um die Erschließung des Marktes mit Windkraft- oder Solaranlagen oder um die Einführung des E-Autos geht: Die Vorteile von Effizienz und Konsistenz (erneuerbare Energien) geht eben nur über den Weg der Herstellung neuer Kapazitäten. Dieser Einsatz kompensiert in der Regel bei weitem den Effizienznutzen. Die Maschinerie von Wachstum beginnt von neuem, die Formel von „Steigerung der Produktion und Wettbewerbsfähigkeit“ wird ebenso beschworen wie zuvor. Doch das Beispiel der Automobilindustrie macht exemplarisch noch weitere Probleme deutlich: Man setzt die Hoffnung auf Technologien, deren Risiken noch nicht einmal ansatzweise überschaubar sind: Die Freiheit von fossilen Ressourcen wird getauscht mit der Abhängigkeit von seltenen Metallen wie etwa Lithium. Es geschieht also lediglich eine materielle Verlagerung. Und weiter: Auch dieser Rohstoff ist nicht unendlich verfügbar, womit zugleich auch eine zeitliche Verlagerung verbunden ist. Trotzdem öffnen sich bereits die Schleusen zur Ausbeutung neuer und wiederum begrenzter Ressourcen. Jetzt aber unter dem „frommen“ Vorzeichen der Nachhaltigkeit. Dabei stimmen in das Hohelied der Nachhaltigkeit auch jene mit ein, an denen noch der letzte Umweltskandal klebt. Ist die Bekehrung echt?

Allein diese nur skizzierten Aspekte aus einem ökonomisch komplexen Thema können verdeutlichen, dass mit grünem Wachstum brüchige Hoffnungen verbunden sind. Es bleibt nicht ausgeschlossen, dass sich das vermeintliche Ideal (vielleicht zu spät) als Mythos entlarven wird. Und nach uns?

Wer die Entwicklung in 2016 aufmerksam verfolgt hat, stellt fest, dass die Wachstumsspirale sich weiter gigantisch nach oben drehen wird. Der Hunger nach Mehr scheint noch lange nicht gestillt: Wo die Märkte gesättigt sind, hängt deutsche Wirtschaft am Tropf des zur „Industrie-Supermacht“ aufstrebenden China. Doch das wird nur so lange dauern, bis das Riesenreich ausländische Technologien ersetzt hat. Die Prognose: „Made in China 2025“ wird die Marke „Made in Germany“ ersetzen. Angestrebtes Wirtschaftswachstum des zukünftigen Weltmarkführers: mindestens 6,5% (*). Die ökologischen Folgen dieser Entwicklung lassen sich unschwer ausmalen. Doch wirtschaftspolitische Ziele lassen sich von kurzfristigen Erfolgen locken. „Nach uns die Sintflut!“

(*) mit der mathematischen Faustformel für exponentielles Wachstum (t=69:p) bedeutet dies eine Verdoppelung der Wirtschaftsleistung innerhalb von zehn bis elf Jahren und danach im selben Zeitraum möglicherweise eine erneute Verdoppelung.

UND DER AUSWEG?

Kämpfen gegen die Wachstumsökonomie? Ein vergeblicher Kampf! Auf einen Durchbruch auf politischer Linie hoffen? Kaum! Zu eng ist die Verbundenheit der Politik mit der Wirtschaft und ihren Verbänden. Zu mächtig sind die global vernetzten Wirtschaftsmechanismen, zu schwach und langatmig politscher Durchsetzungswille, der sich nicht auf die ökologisch dringend gebotene Reduktion konzentrieren, sondern weiterhin auf Wachstum setzen wird; denn keine demokratisch gewählte Regierung eilt einem gesellschaftlichen Wandel voraus, sondern immer nur hinterher.

In seinem Märchen „Das kalte Herz“ berührt Wilhelm Hauff bereits 1827 den Wurzelschaden. Hintergrund ist die systematische Rodung des Schwarzwaldes für rein wirtschaftliche Zwecke – eine Ressourcenvernichtung in bisher nicht gekanntem Ausmaß. Wer bereit ist, sein Herz bei „Holländer-Michel“ gegen ein kaltes, steinernes Herz zu tauschen, hat alle Möglichkeiten, reich zu werden. Die Habgier zieht ein. Doch nicht nur bei den großen Wirtschaftsgiganten des Schwarzwaldes; auch Peter Munk, der als kleiner Köhler unter seinem einfachen Waldleben und der ständigen Erniedrigung leidet, tauscht sein Herz. Wenn Reichtum und Glück sich im Anhäufen von Gütern oder im gesellschaftlichen Status erschöpfen, erkaltet der Mensch im gierigen Streben nach mehr und mehr. So könnte man die hochaktuelle Kernaussage umreißen. Wo aber findet der Mensch den wirklichen Reichtum? Ansätze und Umrisse einer neuen Kultur sind als leiser Atem der Zukunft bereits spürbar. Es ist ein zarter Hauch jener Alternativkultur, die in den 70er Jahren ihre Blütezeit erlebte. Jetzt aber unter völlig anderem Vorzeichen: zum einen unter dem beängstigten Eindruck des rasant voranschreitenden Klimawandels; zum anderen aber ist es der Überdruss einer satten Gesellschaft unter dem Zwang und Diktat der Fremdversorgung und damit zunehmenden Entmündigung.

Ein Projekt ist der subjektive Keim eines werdenden Objekts“ … (F. Schlegel, Fragmente, 1798)

Akupunkturnadeln und Avantgardisten. So entstehen sie landauf, landab: die Gemeinschaftsgärten, in denen nicht nur Salate geerntet werden, sondern auch der Stolz. Hier wächst mit dem Selbsterzeugten auch ein Selbstwertgefühl, das die in Mineralwolle gewachsene holländische Tomate aus dem Supermarkt nicht vermitteln kann. Gärten der Kreativität, des Probierens und der der Selbstverwirklichung. Orte des Fühlens und Schmeckens. Orte, die das pralle Leben in seiner ganzen Fülle spiegeln. So entstehen flächendeckend auch die Repair-Kaffees als Orte einer Gegenkultur: gegen das Wegschmeißen – für eine Verlängerung der Nutzung täglicher Gebrauchsgegenstände; es sind auch Orte des Lernens und der Begegnung. Dort erfährt der Rentner Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Anerkennung, weil er sich noch gebraucht und wertgeschätzt fühlt. Facettenreich entwickelt sich auch die Gegenkultur der Sharing-Oekonomie. Formen des Tauschens und Teilens erleben eine Hochkultur, der genossenschaftliche Gedanke feiert eine Renaissance. Es sind einzelne Akupunkturnadeln im kranken Körper der Wachstumsökonomie. Noch sind sie nicht der große Durchbruch. Sie sind aber auch nicht Rückschritt in alte Selbstversorgungssysteme. Sie können aber als „Transformation“ alten Wissens einer neuen Form der modernen Subsistenz (Selbstversorgung) dienen. Diese Projekte können aber auch die Avantgarde bilden für jene Zeit, in der die Wertschöpfungsketten der Fremdversorgung zusammenbrechen. Findet der Mensch nicht gerade in diesen Projekten die Schätze, den Reichtum, den er im Materiellen zu finden hoffte: die Freude am Gelingen, das Bewusstsein, etwas Gutes und Bleibendes zu schaffen, Spuren zu hinterlassen?

Die Therapie einer kranken Ökonomie gelingt in Form kleiner homöopathischer Dosen

Es erscheint wie eine einfache mathematische Gleichung: In dem Maße wie der Mensch seine Beziehung zur Natur verliert, in dem Maße wächst die Teilnahmslosigkeit und Rücksichtslosigkeit ihr gegenüber. Umgekehrt aber: In dem Maße wie der Mensch die Natur in seinem Lebensumfeld wieder erfährt, in dem Maße wird auch seine Achtsamkeit zunehmen. Und diese Beziehung geschieht in den vielen kleinen Dingen des täglichen Umfelds. Wer ein Brot backt, Mehl und Teig fühlt, den Prozess des Werdens verfolgt und hinterher den Geschmack des eigenen Produkts genießt, der kennt das „gute Gefühl“. Es ist der kleine Einkauf mit dem Rad in die Stadt oder zum wenige Kilometer entfernten Arbeitsplatz, der das Erblühen der Gärten sehen, riechen und damit bewusst wahrnehmen lässt und dabei körperliche Kräfte durch eigene Bewegung freisetzt. Hier erobert man sich die Natur zurück in sein Lebensumfeld, holt sich ein Stück jener Freiheit und Souveränität zurück, die uns die motorisierte Fortbewegung geraubt hat. Es ist die kleine Nutzfläche an einer sonnigen Fläche hinter dem Haus, die die Wahrnehmung vermittelt, wie sich warme Erde nach einem heißen Sommertag anfühlt. Doch wo sind diese Flächen? Kinder erleben ihr nahes Umfeld grau verschottert und mit grauenhaft grauen Stelen bestückt, sobald sie die Haustüre öffnen. Hier wächst keine Wiesenblume; hier findet keine Biene Nahrung. Wo verbleiben in der zugebauten Landschaft noch die natürlichen Freiräume, kleine Sumpflandschaften am Ortsrand, in denen Kinder ihre Abenteuerlust ausleben oder auf Entdeckungsreise gehen können, eine Eidechse oder Blindschleiche in Natura erleben? Nehmen Kinder nicht die Welt zunehmend über Display und Bildschirm wahr? Kann dieses Manko der touristisch vermarktete Premiumweg ersetzen? Wer es einmal erlebt hat, bei Vollmond zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, unter freiem Himmel mit Blick in ein großartiges Sternenpanorama den Schlafsack auszubreiten, hat eine Ahnung von jener schöpferischen Würde, die es zu bewahren gilt. Die Natur er-fahren, be-greifen und damit auch mit allen Sinnen er-leben. Hier liegt das Mehr im Weniger, um das es geht, wenn heute vom „Leitbild der Genügsamkeit“ die Rede ist, die die „Kultur der Maßlosigkeit“ dringend ablösen muss. Hier ist der lohnenswerte Tausch, der nicht leere Hände zurücklässt mit dem faden Gefühl zu kurz zu kommen. Hier wird Verzicht und verantwortungsvolles Leben nicht als Verzichtsdogma und als asketischer Lebensstil übergestülpt. In diesen kleinen homöopathischen Dosen liegt zugleich auch dynamisches Synergiepotenzial: was an einer Stelle beginnt, setzt einen dynamischen Übertragungsprozess auf andere Lebensbereiche frei.

Nicht Kampf gegen …. , sondern Vermittlung von Werten für … Wertevermittlung ist das große Schlagwort. Vergessene Werte entdecken und damit ein neues Bewusstsein schaffen, ein Paradigmenwechsel in die Wege leiten, das die Erkenntnis fördert: Es geht nicht um die Sicherung des Wohlstandes für die gegenwärtige Generation, sondern vor allem der nachfolgenden Leben zu ermöglichen. Diese Wertevermittlung wird sich zunehmend in der Erziehung, in der Pädagogik der Schulen und mittlerweile genauso elementar auch in der Erwachsenenbildung vollziehen müssen. Wir haben (noch) die Wahl.

Empfehlungen zum Weiterlesen:

Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft; vom Aufstieg nachhaltiger Werte in Zeiten der Krise; 2016 oekom München

Niko Paech: Befreiung vom Überfluss; auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie; 2012 oekom München

Die Bibel; das Neue Testament; Lukas-Evangelium, Kapitel 12, Verse 13-21: Die Geschichte vom reich gewordenen Landwirt