Die Sackgasse der Wachstumsökonomie

Teil I: Der Weg in die Sackgasse

Verfasser: Frieder Zürcher

Don´t talk. Do! Die Nachricht am Montag, 8. August 2016, ließ aufhorchen: seit diesem Tag lebt die Menschheit auf Öko-Pump. Bis dahin hat sie bereits mehr Ressourcen verbraucht als die Erde im ganzen Jahr regenerieren kann. Beachtlich ist, dass dieser sogenannte Welterschöpfungstag jedes Jahr einige Tage früher datiert wird. So war dieser in 2015 noch am 13. August. Erschreckend: wir schreiben das Jahr Eins nach dem Klimagipfel in Paris! Große Worte auf großen Konferenzen! Nachhaltigkeit predigen und Ressourcenverschwendung leben – diese Kombination lebt auch der überwiegende Teil der Deutschen: noch immer fährt er zu viel Auto und bucht mit großer Gleichgültigkeit seinen Urlaubsflug, spätestens aber über dem Grill huldigt er mit Billigfleisch vom Discounter auch der überwunden geglaubten „Geiz-ist-geil-Gesellschaft“. Es ist den meisten Deutschen buchstäblich wurst-egal, ob das Fleisch aus der Massentierhaltung stammt. Woher die tägliche Nahrung kommt und wie sie erzeugt wurde, ist offensichtlich zweitrangig. Anders ist nicht erklärbar, warum der Marktannteil von Bio-Lebensmitteln nur bei 4,4% liegt. Hauptsache billig, anders kann auch die All-you-can-eat-Mentalität nicht befriedigt werden. Würden alle Menschen so leben wie die Deutschen, wären zu ihrer Bedarfsdeckung drei Erden notwendig.

Im Folgenden ist immer wieder der Bezug erkennbar zu dem beachtenswerten Buch von Professor Niko Paech „Befreiung vom Überfluss“. Es erscheint seit 2012 inzwischen in der 8. Auflage. Ob Postwachstumsökonomie (Niko Paech) oder Gemeinwohlökonomie (Christian Felber) ist jedoch zweitrangig. Allen wachstumskritischen Ansätzen geht es um den Grundgedanken: Befreiung vom Wachstumszwang.

Warum das Wirtschaftssystem einem katastrophalen Wachstumszwang unterworfen ist

Die Verschuldung-Wachstum-Spirale. Nationale wie auch globale Wirtschaft steht auf dem brüchigen Fundament der Verschuldung. Diese ist aber notwendigerweise dem Wachstumszwang unterworfen, denn über den Wert der Verschuldung hinaus, müssen auch Tilgung und Gewinn erwirtschaftet werden. Im betriebswirtschaftlichen Sinne mag dieses System befürwortet werden, weil dem Schuldendienst Pflicht geleistet wird. Diese Pflicht aber entfällt auf Staatsebene, denn der moralische Unterbau heißt hier: Wohlstand jetzt, zahlen später. Dem Wachstum folgt erneute Verschuldung und auf diese Weise dreht es sich spiralförmig in ungeahnte Dimensionen. Die Kosten aber sind nicht allein in Geldscheinen zu berechnen. Globalisierter Wachstum ist nur durch gigantische ökologische Plünderung zu haben. Das sind die Kosten, welche die nächsten Generationen zu zahlen haben.

Wachstumsspritze Subvention. Um die unerbittliche Wachstumsmaschinerie in Bewegung zu halten, bedient sich der Staat steuerlicher Vergünstigungen, Subventionen und neuerdings auch fragwürdiger Prämien. Indem diese Instrumente als Hebel der Wohlstandsmehrung dienen, ist ihr eigentlicher Sinn pervertiert. Wen wundert es also, dass der Staat die schlimmsten Klimakiller vor jeder Besteuerung schützt und darüber hinaus sogar unrentable Flughäfen subventioniert? Würden Flugreisen nach den wahren Kosten besteuert (ökologische Kosten mit einbezogen), könnten sich nur elitäre Großverdiener Flüge leisten. Ein weiteres Beispiel: Die von der Bundesregierung in 2016 beschlossene Prämie beim Kauf eines E-Autos ist bei weitem keine Prämie unter ökologischen Gesichtspunkten. Umweltverbände haben diese (ökologisch höchst fragwürdige) Maßnahme längst als ökonomische Spritze für die Automobilindustrie entlarvt. Weiterhin: Europäische Agrarsubventionen dienen keineswegs dazu, die Verfügbarkeit knapper Nahrungsmittel zu steigern, sondern verfolgen die Absicht, den Ausgabenanteil der Nahrung zu marginalisieren, um Kaufkraft für Smartphones, Urlaubsreisen usw. freizusetzen.

Effizienz als Wachstumsmotor. Um die Wachstumsspirale (notwendigerweise) nach oben zu treiben, ist eine radikale Effizienzsteigerung notwendig. Hierbei dominieren zwei wesentliche Aspekte: Effizienz durch Spezialisierung und Effizienz durch technische Innovationen. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Industrie und Landwirtschaft stark von der Regionalität geprägt. Die sogenannte Wertschöpfungskette von Herstellung bis zum Vertrieb bestand aus wenigen Kettengliedern, häufig sogar auf das räumliche Lebensumfeld begrenzt. Die Globalisierung steht unter dem Druck der Entgrenzung, sowohl räumlich wie auch in der Masse. Das aber setzt Spezialisierung der Märkte voraus. Die Glieder der Wertschöpfungskette nehmen ungeahnte Ausmaße an. Durch die Verlagerung der Produktion ins Ausland, nimmt in gleichem Maße der internationale Gütertransport wie auch der Binnentransport auf den Straßen zu. Bis 2030 wird dieser um 38 % zunehmen. Die Massenproduktion z. B. in der Bekleidungsindustrie ist verantwortlich für die Ausbeutung der Arbeitskräfte durch Billiglöhne. Fehlende Sicherheitsstandards haben jüngst zu katastrophalen Unfällen und Bränden geführt mit unzähligen Opfern. Und letztendlich stehen auch technische Innovationen nicht im Dienst eines ursprünglichen Effizienzgedankens, sondern im Dienst der Expansion.

Neuproduktion nach Abwrackung ist im Sinne des globalen Wachstumszwangs sinnvoller als reparieren. Dies gilt für die Autoindustrie in gleichem Maße wie für den Küchenhersteller. Nutzgegenstände mit kurzer Lebensdauer stehen im Dienst der Wachstumsspirale; aber ökologisch gesehen ist es katastrophal.

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Aus ökologischen Gesichtspunkten ist es überfällig, die Produktion einer aufgeblähten Verpackungsindustrie drastisch zu reduzieren. Verpackungen haben die kürzeste Lebensdauer, häufig nur von wenigen Augenblicken. Deren Produktion zu begrenzen oder auf bestimmte Produkte völlig zu verzichten, würde aber bedeuten, Arbeitsplätze zu verlieren. Industrieverbände gingen auf die Barrikaden. Allein die Abfallmenge aus Getränke-Einwegverpackungen hat seit 2004 um rund 30 % zugenommen. Dies bestätigt die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung auf Anfrage der Bundesregierung. Und was tut sie angesichts dieser beispiellosen Umweltsünde? Welche politische Colour hat den Mut, Coffee-to-go-Einwegbecher zu verbieten und damit Wählerstimmen zu riskieren, wenn nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe inzwischen jährlich 2,8 Milliarden Einwegbecher hergestellt werden? Davon landen stündlich 320 000 im Müll!

Unter den genannten Gesichtspunkten und Beispielen wird deutlich, in welch einem Dilemma Unternehmen, aber auch die Politik selbst stehen. Einerseits die Angst vor dem Schreckgespinst Umsatzrückgang bzw. Stagnierung des Bruttoinlandprodukts, die schon fast den Status einer nationalen Katastrophe besitzt. Andererseits die Verantwortung gegenüber den Beschäftigten und der Umwelt.

Doch die enthemmte, globalisierte Wachstumsökonomie hat längst ihre eigene Dynamik entwickelt, dem gegenüber politischer Wille und politische Instrumente machtlos oder zu langsam erscheinen. Außerdem ist die eigennützige und interessengeprägte Nähe vieler deutscher Politiker zur Wirtschaft hinreichend bekannt. Wachstumsbegrenzung kann und will nicht in deren Sinne sein. „Die Nutznießer eines Lebens über die Verhältnisse sind längst in der Mehrheit“ (Niko Paech). Ein Bewusstseinswandel wird erforderlich sein, um vor einem ökologischen Gau rechtzeitig einzulenken. Dieser aber, so die Erkenntnis der meisten Wachstumskritiker, ist von politischer Seite nicht zu erwarten. Denn keine demokratisch gewählte Regierung eilt einem gesellschaftlichen Wandel voraus, sondern immer nur hinterher, um kein (Wiederwahl-) Risiko einzugehen.