Der Zerfall der ökologischen Lebensgrundlagen im Kontext eines neutestamentlichen Gleichnisses

Das gefangene Herz

Das gefangene Herz

(von Frieder Zürcher)

Vorwort:

Fünf von insgesamt zehn planetaren Grenzen befinden sich gegenwärtig im Status „hohes Risiko“ oder „zunehmendes Risiko“ (1). Die UNO schlägt mit dem neuen IPCC-Klimabericht Alarm. Gibt es eine Berechtigung, die sich rasant zuspitzende global-ökologische Krise geisteswissenschaftlich zu deuten? Hier sogar die Lösung zu suchen? Die Antwort ist ein klares JA! Je stärker das ökologische Gleichgewicht ins Wanken gerät (insbesondere durch den Klimawandel), desto deutlicher wird die Hilflosigkeit auf allen Ebenen menschlichen Handelns. Desto mehr aber öffnet sich der Mensch für spirituelle Wege, weil er erkennt, dass nicht allein die Änderung menschlicher Strukturen, sondern der Mensch selbst der Veränderung bedarf (Paradigmenwechsel).

Von hier aus drängt sich eine zweite Vorbemerkung auf: Ist biblische Theologie zu solcher Deutung berechtigt? Aus der schier unendlichen Vielfalt mag zur Bejahung dieser Frage hierfür nur ein markanter Text dienen, nämlich der Schöpfungsbericht mit der klaren Perspektive der Pflege und des verantwortlichen Erhalts der Schöpfung (Genesis 1, 28-31). Aus der Frage der Berechtigung wird der Auftrag zum Wort und zur Tat. Denn was aus der Hand des Schöpfers als gut hervorging, verwandelte sich unter der Hand seiner Geschöpfe und wird insbesondere seit Beginn des Industriezeitalters zur Bedrohung. Aus Erhalt der Schöpfung wurde Ausplünderung, aus Pflege wurde Raubbau. Suchen wir den Wurzelschaden, so finden wir ihn zusammengefasst in der Begrifflichkeit: Gier, Habgier.

Die Gleichnisrede von einem Mann, der zu Reichtum kommt

Es findet sich im Lukas-Evangelium (2) eine Gleichnisrede, die Ursache und Ausweg aufzeigt. Es ist ein spirituelles Pulverfass, das eine Deutung erlaubt in die Richtung der gegenwärtigen Krise:

Da sagte einer aus der Volksmenge: „Meister, sage doch meinem Bruder, dass der das Erbe mit mir teile!“ Jesus antwortete ihm: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schiedsmann über euch eingesetzt?“ Dann sagte er zu allen: “Gebt acht und hütet euch vor aller Art Habgier! Denn das Leben besteht doch nicht darin, dass man viele Güter hat.“ Er erzählte ihnen dann ein Gleichnis: „Eines reichen Mannes Felder hatte einen guten Ertrag gebracht. Da überlegte er bei sich selbst: Was mache ich? Ich habe keinen Platz, die reiche Ernte unterzubringen. Ich weiß, was ich tun werde: Ich lasse meine Scheunen abbrechen und größere bauen. Auf diese Weise kann ich meine ganze Ernte und alle meine Habe unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Liebe Seele, du hast nun Vorrat für viele Jahre! Gönne dir jetzt Ruhe, iss und trink und lass dir´s wohl sein! Gott aber sagte zu ihm: Du Tor, in dieser Nacht werden sie deine Seele von dir fordern! Wem wird nun gehören, was du aufgespeichert hast? So geht es jedem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich in Gott.“

Der Tod des Protagonisten: Ein Sinnbild

Die Nachrichten überstürzen sich geradezu. Das in Vergessenheit geratene Wald-Sterben sei so intensiv wie in den 90er Jahren, als erstmals darüber berichtet wurde. Besorgniserregend sei, dass nun aber auch das Insekten-Sterben, das Aus-Sterben vieler Vogelarten und das Ab-Sterben der Gletscher hinzukommen. Der Geruch des Todes und der Verwesung schwebt über der Erde. Im kürzlich erschienenen Weltklimabericht 2016 bestätigen mehr als 800 Wissenschaftler, dass die dramatischen Veränderungen auf der Erde vom Menschen verursacht sind.

Zwei aktuelle Beispiele mögen genügen, um den Zusammenhang zu verdeutlichen. 1. Um den Bedarf an Futtermittel für Rinder zu decken, füllt die nördliche Halbkugel ihre Scheunen mit Soja. Warum? Die Produktivität eigener Landwirtschaft reicht zur Deckung des Bedarfs nicht aus. Das Ziel? Die Befriedigung einer maßlosen Gier nach Fleisch, denn von Bedarf kann längst nicht mehr die Rede sein. Die Kosten: Abholzung von Regenwäldern in gigantischem Ausmaß, um Sojafelder zu pflanzen. Die Folgen: im Unterschied zu europäischen Böden ist durch die fehlende Humusbildung der Boden irreparabel geschädigt. 2. Biodiesel in Europa besteht zu 25% aus Palmöl. Unzählige Hektar Regenwald in Südostasien und in Afrika müssen Ölpalm-Plantagen weichen. In Indonesien entspricht dies der Hälfte der Fläche Deutschlands. Viele Tier- und Pflanzenarten verlieren dabei ihre Lebensgrundlage. Dieser Irrsinn geschieht, damit die energiehungrigen Industriestaaten eine pervertierte motorisierte Individualmobilität im Flug- und Autoverkehr ausleben können.

Die Schätze, die sich die Industriestaaten auf Kosten der Schwellen- und Entwicklungsländern in ihren Scheunen, Speichern und Tanks horten führen zu einem nie dagewesenen Wohlstand an Nahrungsmitteln und Energie. Nun aber werden im Lichte der Klimaforschung Naturkatastrophen und rasant fortschreitender Klimawandel immer klarer in diesen Kontext gestellt. In der Sprache des Gleichnisses lautet der kausale Zusammenhang: „So geht es jedem der sich Schätze sammelt …“

Doch wie eingangs erwähnt, wird nach der spirituellen Ursache gesucht. Der Meister verurteilt nämlich nicht den Reichtum, geschweige denjenigen, der zu Reichtum kommt. Dieser fällt ihm ohne verwerfliche Machenschaften zu; und seine weiteren Pläne offenbaren geradezu ein verantwortungsbewusstes Handeln. Ursache seines raschen Ablebens finden wir in der zweiten Hälfte des gleichen Satzes: „… und ist nicht reich in Gott.“ Hier beginnt nun der spirituelle Pfad.

Aushauchen der Seele ist nicht auf das Ende biologischer Funktionen begrenzt

Der Protagonist der Gleichnisrede ist aus dem in der Schöpfung für ihn festgelegten Spannungsbogen herausgelöst. Aus dem Spannungsfeld der Arbeit (sechs Tage sollst du arbeiten) wie auch aus der ihm verordneten zeitlich begrenzten Ruhe (am siebten Tag sollst du ruhen). Nun kennt er nicht mehr die Bitte um das tägliche Brot (das Vater unser) Wozu auch? Die Scheunen sind gefüllt! Er kennt aber auch nicht mehr die gestaltende schöpferische Ruhe des Sonntags. Drastisch deutlich wird dies in seinem Selbstgespräch. Weit entfernt von einem Erntedankgebet zelebriert er sich selbst seine individuellen Pläne - ohne Arbeit und in unbegrenzter Zeit des Genießens. Gerade aber hier erfährt er nun den Verlust seiner Seele. Herausgenommen zu sein aus der Abhängigkeit seines Schöpfers bedeutet „Aushauchen“ der Seele, die ihm als Merkmal göttlichen Gegenübers „eingehaucht“ wurde (Genesis 2,7). AUSHAUCHEN SEINER SEELE IST ZU ALLERERST ALS VERLUST SEINER IHM ZUGEDACHTEN SPIRITUELLEN VERANKERUNG ZU VERSTEHEN und nicht ausschließlich auf das Ende biologischer Funktionen zu deuten.

Nun wird auch der siebte Tag zum Shopping-Day und zum Event-Day, weil mit dem Verlust der „Seele“ die Sinnentleerung ihren Lauf nimmt. Was ist sonst mit dem Sonntag anzufangen? Und so werden auch an diesem Tag in Outlet-Centern, auf Genuss- und Trödelmärkten Schätze gesammelt, während hinter Kitsch und Klunker die Sicht zum Eigentlichen vernebelt. Die sonntäglichen Wallfahrten zu den Genussmärkten mit ihren kulinarischen Events zeichnen signifikant das Panorama einer sinn-entleerten Wohlstandsgesellschaft, die bereit ist, jahrhundertealte Traditionen und Werte auf dem Altar des Kommerz zu opfern.

Doch der Verlust der „Seele“ ist nicht nur die Trennung der vertikalen Ebene (Mensch-Gott). Es ist genauso auch der Verlust der horizontalen Ebene (Mensch-Mensch). In seinem Selbstgespräch bestätigt der Protagonist, dass von einem Verantwortungsbewusstsein für sein Umfeld und von einem verantwortungsbewussten Gebrauch seines Reichtums im Dienst seiner Mitmenschen nichts mehr übriggeblieben ist. Mit dem Verlust der vertikalen Ebene stirbt zeitgleich die Fähigkeit zur Empathie. An deren Stelle treten in der zur Wohlstandsgesellschaft gesunkenen Gesellschaftsordnung dann die Teilnahmslosigkeit, Gleichgültigkeit und endlich anstelle des verantwortungsbewussten Gebrauchs anvertrauter Ressourcen deren rücksichtslose Ausbeutung. Von nun an herrscht unerbittlich das gnadenlose Diktat des „Ich, meiner, mir und mich“ und jeder ist sich selbst der Nächste. Es gleicht einer Situation in einem überfüllten Zugabteil der Bahn. Alle Fahrgäste sind vertieft in ihr Smartphone, begierig nach aktuellen Nachrichten oder aus Angst, diese zu versäumen. In diesem kollektiven Down-Syndrom wird nicht die alte Dame wahrgenommen, die auf wackeligen Füßen einen freien Platz sucht, ängstlich nach Halt tastend. Diese austauschbare Szene beschreibt nur beispielhaft das Bild einer völlig auf das Ego bezogene und auf sich selbst geworfenen Lebensweise bzw. Gesellschaft.

Reich sein ist nicht in Menge und Maß messbar

Würde man nun den Protagonisten einschränken auf den Personenkreis der Vorstandsvorsitzenden von Großkonzernen oder auf den Fußballspieler von Real Madrid mit seinem schier unfassbaren Jahresgehalt, so wäre neutestamentliche Theologie grundsätzlich fehlgedeutet. Wer ist denn Anlass der Gleichnisrede? Es ist der unbekannte Bürger, der mit seinem Bruder um das Erbe streitet. Indem nun der Meister diese nichtssagende, kleinbürgerliche Angelegenheit mit der prosperierenden Landwirtschaft des Großbauern vergleicht, stellt er den um Rat Fragenden auf die gleiche Stufe. REICHTUM IST NICHT IN MENGE UND MASS MESSBAR! Reichtum ist Haltung. Es sind eben nicht nur die mächtigen Schlote der Großindustriellen, die die Sicht zum Schöpfer vernebeln; es ist genauso der Feinstaub des Kleinverdieners im sozialen Wohnungsbau. Das Umfeld des kleinen Bürgers kann ebenso die Sicherheit vermitteln, „seine Schäfchen im Trockenen zu haben“, sich „gut aufgestellt“ zu sehen. Wenn hier der Besitz nicht eingebettet ist in den harmonischen Fluss des dankbaren Nehmens aus der Schöpferhand und dem verantwortungsvollen Weitergeben und Teilen des Empfangenen, dann ist der Geruch des Todes und der Seelenlosigkeit in kleinen Verhältnissen penetranter als in den Villen der Vorstandsvorsitzenden. Es liegt ein Verwesungsgeruch gerade auch über der kleinbürgerlichen Häuschenbauer-Mentalität, wenn diese nur noch das Vorgärtchen pflegt, dabei aber den kranken Nachbarn übersieht. Und auch die einfachste Mietwohnung verwandelt sich im Handumdrehen zur prall gefüllten Scheune, wenn sie Selbstgenügsamkeit und Selbstgefälligkeit als letzte Werte vermittelt.

Im Reichtum sind alle kollektiv vernetzt

Es ist geradezu eine fundamentale Erkenntnis, wenn Gertrud Höhler (3) von einer Gier-Community schreibt: „Die Gier als Grundmelodie der Wohlstandskultur ist längst aus dem Kreis der Laster ausgegliedert, WEIL SIE ALLE VERBINDET“. Höhler analysiert ein universales Phänomen, wenn sie schreibt: „Der Gierige ist die Heldenfigur der globalen Ökonomie“. So sind eben alle, vielleicht schicksalhaft, jedoch ausnahmslos, Nutznießer eines imperial-kapitalistischen Werte- und Wirtschaftssystems, das auf Wachstum, auf Genuss und Bequemlichkeit ausgerichtet ist. Alle sind infiziert vom gleichen Virus.

Der spirituelle Ausweg gelingt nur durch eine Totaloperation.

Kohlen-Munk-Peter ist reich geworden (4). Dafür hat er bei Holländer-Michel sein fleischernes Herz gegen ein kaltes, steinernes Herz getauscht. Gewinnmaximierung, Habgier und Genusssucht kennzeichnen von nun an sein Leben. Mit seinem fleischernen Herzen verliert er das Wesentliche: Freude, Trauer und Mitgefühl. In existenzieller Weise spürt Munk-Peter diesen Verlust: „ … er hatte ja ein Herz von Stein; und Steine sind tot und lächeln und weinen nicht“. Erneut wendet er sich an Michel: „ … gebt mir lieber mein altes Herz“. Damit offenbart Hauff eine elementare Erkenntnis: Es geht um einen radikalen Einschnitt. Es geht um das Zentrum des Menschen. Eine Herzklappen-OP reicht nicht. Eine Transplantation ist erforderlich. Es geht um einen Paradigmenwechsel!

Dabei ist höchst bemerkenswert, dass das Ende der Gleichnisrede den Ausweg aus der Katastrophe verschweigt. Doch dies ist nur scheinbar so. In der Verschlüsselung des Auswegs liegt implizit das Selbstverständnis des Erzählers. Der Zuhörer soll begreifen, dass in der Person des Erzählers selbst der Ausweg liegt. Im Wesentlichen geht es bei der Gleichnisrede vom reich gewordenen Landwirt also nicht um das Gleichnis, so wenig es an anderer Stelle im Eigentlichen auch nicht um die Bergpredigt geht (dies wäre eine weitere Fehldeutung des Neuen Testaments). Es geht um den Bergprediger, es geht um die Person des Gleichnisredners selbst. Verdeutlicht wird dieser grundlegende Zusammenhang in der Begegnung mit einem reichen Mann (5), der sich ratsuchend an den Meister wendet, was er tun könne, um den Sinn des Lebens nicht zu verfehlen. Zielpunkt des Meisters ist nicht die Aufforderung zu sozialem Handeln („verkaufe, was du hast und gib es den Armen“). Aus dieser Voraussetzung, alles hinter sich zu lassen, ergibt sich erst der Zielpunkt: sich in die Gemeinschaft des Meisters zu begeben: („dann komm und folge mir nach!“)

Soll von hier aus eine Verknüpfung mit Hauffs Märchen geschaffen werden, so kann zusammengefasst gesagt werden, dass das neue Herz in der Gemeinschaft des Meisters geschenkt wird. Allein in dieser Radikalität liegt der spirituelle Ausweg. Es ist Zugleich der Rückweg (im Sinne der Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfungsordnung), weil der, der in aufzeigt, sich selbst als Weg ins Vaterhaus versteht. Am Ende dieses spirituellen Weges könnte die Wiederherstellung der eingangs erwähnten vertikalen und auch der horizontalen Ebene stehen und als Folge dessen die Heilung einer verwundeten Schöpfung. Der Schlussakkord hätte dann einen harmonischen Klang: So geht es einem jeden (Volk), der (das) reich ist in Gott.

Nachwort

Die rasche Umsetzung nationaler wie auch internationaler Klimaschutzziele wird über die Zukunft der nächsten Generation(en) entscheiden. Technische Innovationen zur Effizienzsteigerung und damit zur Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase werden hierbei eine wesentliche Rolle spielen. DOCH DAS REICHT BEI WEITEM NICHT AUS! Vorliegende Arbeit stellt den Versuch da, gegenwärtige Krise in den Zusammenhang einer Wertekrise zu stellen. Ziel ist, den Verlust verlorener Werte (besser: des verlorenen Wertes) und die Rückbesinnung auf dieselbe(n) als existenzielle Größe in den Vordergrund zu rücken, um so aus der Sichtweise des Verfassers die Möglichkeit eines Auswegs aufzuzeigen.

(1) Jill Jäger, Ines Omann, Fritz Hinterberger „Was verträgt unsere Erde noch? In MUT ZUR NACHHALTIGKEIT, 2016 S. Fischer Verlag, Klaus Wiegandt (Hg.)

(2) Lukas-Evangelium, Kap. 12, 13 ff übersetzt nach Hans Bruns

(3) Jenseits der Gier, Econ-Verlag

(4) Lange vor der Abholzung von Regenwäldern in Südamerika weist Wilhelm Hauff in seinem Märchen „Das kalte Herz“ auf die erste gigantische Ressourcenausbeutung in Europa hin: die Abholzung des Schwarzwaldes. Diese Ausbeutung stellt Hauff durch sein Märchen in den Zusammenhang von schier unfassbarer Habgier. Eingebettet in einen spirituellen Rahmen unternimmt der Dichter den vortrefflichen Versuch, einen Ausweg aufzuzeigen. Vermutlich inspiriert durch die Aussage des Propheten Hesekiels (Hesekiel, Kap., 11, 19: Dann werde ich ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in ihr inneres Leben. Ich werde das steinerne Herz aus ihrem Leibe entfernen und gebe ihnen ein fleischernes Herz), macht auch er den radikalen Schnitt im Denken des Menschen deutlich.

(5) Matthäus-Evangelium, Kap., 19, 16 ff. Die beiden folgenden Verse übersetzt nach Hans Bruns