App gegen den Stau - Elektronisches Mitfahrernetzwerk flinc

Lang war der Weg bis zur entscheidenden Gemeinderatssitzung im Mai 2015. Doch dann konnten sich die Stadträte trotz eines strengen Sparkurses doch zu einem finanziellen Minipaket von 3000 Euro durchringen. Nun kann flinc, das elektronische Mitfahrnetzwerk aus Ludwigshafen, noch in diesem Jahr an einen zumindest bescheidenen Start gehen. Knapp war die Entscheidung, weil die SPD-Fraktion komplett dagegen stimmte. Man staune: Hat nicht jede politische Colour das Thema Mobilität farbenfroh ins Wahlprogramm der Gemeinderatswahl 2014 genommen? Alles vergessen? Nur leere Worthülsen? Wohlwollend unterstützt wurde der Antrag dann aber von der CDU-Fraktion, die somit zum Zünglein an der Waage wurde.

Um was geht es? Es ist das tägliche Grauen des beruflichen Pendelverkehrs, der durch die beiden Bundesstraßen auch vor Bad Urach nicht Halt macht. Ca. 22.000 Fahrzeuge quälen sich täglich durch die Kurstadt, belasten unnötig Umwelt und Gesundheit. Doch nur 1,2 Personen sitzen laut Statistik in einem Auto. Welch eine gigantische Ressourcenvergeudung.

Doch dieser Horror könnte längst der Vergangenheit angehören. Dabei ist die Lösung weder eine Umgehungsstraße oder gar ein Viadukt über die Dächer Bad Urachs. Umweltbewusste Verkehrspolitik einer Region setzt nicht mehr in erster Linie auf teure und umweltschädigende Infrastruktur, sondern auf ein kluges regionales Mobilitätsmanagement mit dem Ziel, Verkehr deutlich zu reduzieren. Einer der wirksamsten Bausteine hierbei sind Fahrgemeinschaften. Denn was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, hat die digitale Kommunikation geschafft: Internetbasierte Mitfahrnetzwerke ermöglichen eine spontane Mitfahrgelegenheit selbst auf Teilstrecken; und das kostenlos. Kein „Schwarzes Brett“, keine aufwändigen Vereinbarungen. Eine Registrierung genügt. Das kostenlose App lädt sich der Nutzer auf sein Smartphone. Wird in einer Region die Critical Mass erreicht, so könnte dieses einfache Instrument mit dazu beitragen, den täglichen Wahnsinn deutlich zu reduzieren.

Entscheidend für die Umsetzung in einer Region ist aber das Zusammenspiel aller Akteure: Kommunen, Verkehrsbetriebe, Unternehmen. Der Anstoß dafür muss von kommunaler Seite kommen. Darauf setzt das Mitfahrnetzwerk flinc, das die Zusammenarbeit mit Kommunen anstrebt. Bereits vor gut einem Jahr präsentierte sich das Unternehmen im Historischen Sitzungssaal des Bad Uracher Rathauses, nachdem der Kontakt durch den Ortsverband der GRÜNEN zustande kam. Die vom Gemeinderat beschlossene Investition wird sich lohnen: Das flinc-Kommunalpaket wird individuell auf Bad Urach zugeschnitten sein und wird beispielsweise einen Auftritt Bad Urachs auf der Internetseite von flinc enthalten.

Inzwischen ist der Prozess einen entscheidenden Schritt vorangekommen: Auch der Landkreis steht hinter dem Projekt. Denn das Netzwerk ist mittlerweile sogar in seinen Maßnahmeplan aufgenommen, den er im Rahmen des European Energy Awards (EEA) erstellte. Dahinter steht ein Qualitätsmanagement und Zertifizierungsverfahren, das Kommunen in Deutschland und Europa auf dem Weg zu mehr Energieeffizienz unterstützt.

So sind die GRÜNEN in Bad Urach nun nicht mehr allein auf das Wohlwollen der Kommune angewiesen, sondern erhalten flankierend Unterstützung durch den Landkreis.

Zusatzinfo:

Die Flinc AG mit Sitz in Ludwigshafen ist einer der Marktführer in Sachen Fahrgemeinschaften mit derzeit rund 200.000 Mitgliedern. Auch das Metzinger Modeunternehmen Hugo Boss entdeckte die Firma. Inzwischen gibt es dort bereits 200 aktive Nutzer.

St. Georgen im Schwarzwald und Althütte im Rems-Murr-Kreis gelten in Baden-Württemberg als Modellregionen. In St. Georgen schlossen sich drei Unternehmen, die Stadt und die Bürger zu einem Mitfahrnetzwerk zusammen. Nach nur wenigen Monaten nutzten flinc schon mehr als 500 Pendler. Althütte gründete einen Gemeindeverbund. 14 Kommunen setzen auf die Mitfahrzentrale. Dafür erhielten sie Geld aus dem europäischen Förderprogramm „Leader“.