DIE GRÜNEN IN BAD URACH, DETTINGEN, HÜLBEN, GRABENSTETTEN UND RÖMERSTEIN

Das Ziel ist der Weg

Malerisches Tübingen

(von Frieder Zürcher)

Einfach rauf aufs Rad und los? Nur mit Schlafsack, Zelt & Co.? Geht das noch so einfach, oder ist das Einfache ein Ideal?

Absoluter Minimalismus, kein Komfort und unnötiger Ballast; morgens nicht wissen, wo abends das Zelt stehen wird; das sind die Ideale, an die ich mein kleines Abenteuer knüpfe. Vor allem aber: Nicht der Endpunkt ist das Ziel. Das Ziel? Ist der Weg! Schauen, Stille, Zur-Ruhe-kommen, Gedanken treiben lassen, Alltagstempo drosseln, Uhr vergessen, Spontan statt Plan, sich überraschen lassen – von Unbekanntem und Unbekannten.

Die Tour wird mich den südlichen Abschnitt des Neckarradwegs in Höhe Metzingen (Württemberg) bis zur Neckarquelle in Schwenningen führen. Dort werde ich ich in die Bahn steigen und ab Breisach bis Kehl auf dem Rheinradweg radeln. Vor Beginn der Fahrt lege ich die tägliche Strecke grob fest. Wäsche zum Wechseln, auch für den Fall, dass mich ein Gewitter erwischen sollte, ein Gaskocher, zwei Dosengerichte, Wasser, Tagesvesper für den ersten Tag; das „Was …, wenn … -Paket“ lasse ich zuhause. Bei erfreulicher Wetterprognose kann es losgehen. Endlich!

In Tübingen mache ich den ersten Halt. Von der Eberhardsbrücke bewundere ich nur kurz die malerische Silhouette der Altstadt mit Hölderlin-Turm, Schloss und üppigem Fachwerk. Ich fliehe vor dem hohen Puls der Stadt, vor Lautstärke und Menschenmengen. Es zieht mich in das beschauliche und liebliche Rottenburg. Tübingen im Kleinformat. Am Ende der Fußgängerzone mit Blick auf den Neckar und auf die traumhaft schöne altstädtische Kulisse pausiere ich erstmals und genieße ein Pastagericht.

Erst außerhalb von Rottenburg wird der Neckar zu meinem ständigen Begleiter. Das Bild der Landschaft wechselt. Es geht über Felder und Ortschaften, Auenlandschaften trennen mich oft nur wenige Meter vom Fluss. Erstmals atme ich ihren intensiven und typischen Geruch, geprägt durch dichtstehende Ufer- und Sumpfpflanzen. Ich nehme ein Fußbad; nichts drängt zur Eile, denn meine erste Etappe soll irgendwo zwischen Horb und Sulz enden. Im Gleichmaß meiner Bewegung komme ich zur Ruhe. Der Radweg wird mir zum Jakobsweg.

„Regenwahrscheinlichkeit 2%“ – bestätigt mir mein Gegenüber in einem gemütlichen Biergarten in Horb. Bewusst suche ich in die Begegnungen, setze mich zu Einzelgästen, egal ob in Cafés oder Restaurants, mache Erfahrungen, die der Alltag nicht schenkt, erhalte Tipps und Infos, überraschend öffnen sich meine Gesprächspartner mit ihren eigenen Erfahrungen. Gemeinsam geht’s weiter; Rennrad und Tourenrad teilen sich den Weg. Vor Sulz trennen sich unsere Wege. Etappenziel erreicht. „Gute Weiterfahrt und viel Spaß!“ Direkt am Neckar finde ich einen herrlichen Platz auf einer frisch gemähten Weide, nicht direkt einsehbar und in Ortsnähe. Alle Voraussetzungen für einen Lagerplatz sind erfüllt. Ich spare mir den Aufwand, mein Zelt aufzustellen. Vorsichtshalber lege ich aber eine der beiden Zeltplanen über den Schlafsack; die Auenwiesen können im vorgerückten Sommer morgens bereits klamm werden. Gemütlich liege ich, warm eingepackt. Fern von künstlichem Licht und herrlich erschöpft falle ich in tiefen Schlaf. Über mir leuchten die Sterne.

Ausgeruht klettere ich aus dem Schlafsack, nehme ein „Bad“ im Neckar. Meine klamm gewordene Zeltplane werde ich tagsüber zum Trocknen auslegen. In einem Café am Marktplatz stärke ich mich mit einem „süßes Frühstück“; entspannt beobachte ich die Markaktivitäten vor der Tür. Der Weg wird mich heute bis zur Neckarquelle in Schwenningen führen. Auf meiner heutigen Etappe liegt das Naturschutzgebiet „Natura 2000“, geprägt von seinen unterschiedlichen Lebensraumtypen. Die biologische Vielfalt des Gebiets präsentiert mir vor allem die üppige Flora. Größtenteils fahre ich hier im Schritttempo; nichts soll mir entgehen. Oberndorf, Epfendorf, Talhausen. Teils durchfahrend, teils nur marginal berühre ich idyllische Ortschaften, bevor ich am Spätnachmittag Rottweil erreiche. Ich genieße den Spaziergang durch die mittelalterliche und farbenfrohe Atmosphäre der Stadt, bevor ich mich auf den Weg zum zweiten Tagesabschnitt mache.

Meine DackelgarageEs ist spät geworden, als ich in Schwenningen einfahre. Es fällt mir schwer, einen geeigneten Platz zum Lagern zu finden. Doch außerhalb von Schwenningen entdecke ich ein Idyll - eine Weidefläche, von drei Seiten vom Wald umrahmt und geschützt, nur über einen Reiterpfad zugänglich. Die offene Seite gewährt mir einen Blick auf einen entfernten Aussiedlerhof. Hier schlage ich erstmals auf meiner Abenteuertour mein kleines 2-Mann-Zelt der Bundeswehr auf. Eigentlich verdient es den Begriff Zelt nicht; zumindest rechtlich betrachtet. Mit zwei aneinandergeknüpften Zeltplanen ohne Boden zelte ich nicht, sondern ich lagere. Und weil für eine Nacht erlaubt, kann ich meine „Dackelgarage“ (fast) überall mit gutem Gewissen aufbauen. Als ich aufwache überrascht mich ein dichter Frühnebel. Aus dem offenen Zelt lasse ich das gespenstische Szenario auf mich wirken. Die knöchelhohe Wiese ist mit Tau durchdrängt. Für eine intensive Katzenwäsche werde ich zum Taufänger. Die morgendliche Kühle und die erfrischende „Dusche“ beleben mich rasch. Mein heutiges Programm schenkt mir viel Zeit: „13.35 Uhr per Bahn nach Breisach“. Ich besichtige Schwenningen, liege auf einer parkähnlichen Fläche der ehemaligen Landesgartenschau, während mein Zelt trocknet. Gegen 16.00 erreiche ich Breisach. Natürlich will ich mir den Blick vom St. Stephansmünster hinunter auf Stadt und Rhein und hinüber zum Schwarzwald nicht entgehen lassen, bevor es auf den Rheinradweg geht. In Höhe von Sasbach (Kaiserstuhl), unmittelbar am Altrhein, entdecke ich eine Anlegestelle des örtlichen Bootsvereins. Der Heimat- und Geschichtsverein Sasbach feiert im Schatten vor dem Vereinshaus. An dieser Romantik vorbeizufahren, fällt mir schwer. Meine Entscheidung für das Nachtquartier ist gefallen. Bevor ich mein Zelt aufbaue, schwimme ich hinaus. Herrlich erfrischend und belebend. „Hänn se Hunger uff ä Kartoffel- unn ä Nudelsalat? Ä Tannezäpfel hätte ma au noch für Sie; kenne Se des?“. Na klar, „Zum Wohl! Auf schwäbisch-badische Freundschaft“, so erlebe ich badische Gastfreundschaft. Während ich meinen Hunger stille, stille ich den Wissensdurst meiner Gastgeber: wo geht´s denn hin? Ja wie, nur mit Zelt? Keine Angst vor Fuchs und Wildsau? „Unn was isch, wenn …?“. Bald aber wird es still am Rhein. Ich genieße den herrlichen Sonnenuntergang auf französischer Seite. Zufrieden knöpfe ich meine Dackelgarage zu.

Altrhein bei SasbachEin wenig mulmig ist mir zumute, als ich morgens so völlig allein im Altrhein bade. Weit traue ich mich nicht hinaus, für eine herrliche Erfrischung aber reicht es. Letzte Etappe: Ziel Kehl. Während die Rheinfrachter auf dem künstlich angelegten Kanal fahren, führt der Radweg bereits ab Basel meist rechts am Altrhein entlang. Imposant lässt dieser erahnen, wie der Rhein vor der Regulierung einmal ausgesehen haben mag. Wie schon tags zuvor verlasse ich, wo immer möglich, den ausgewiesenen Weg, um in das beeindruckende Naturreservat der Rheinauewälder zu gelangen. Wie feine Adern durchziehen verschlungene Nebenarme des Rheins diese einzigartige Naturlandschaft. Libellen, Frösche, Reiher lassen eine Fauna erahnen, die es wohl sonst kaum gibt. Wasserpflanzen überdecken häufig die gesamte Wasseroberfläche, sodass es eines genauen Blicks bedarf, die verborgenen Wasserbiotope überhaupt zu entdecken. Dann wähle ich die offene Strecke der landwirtschaftlichen Wege östlich des Rheinauewalds und erreiche die Ortenau. Schon aus der Ferne kann ich die künstliche Stadt des „Europaparks“ von Rust erkennen; bizarr erheben sich über den Maisfeldern Türme, Hotels und Bahnen des Vergnügungstempels. Kilometerweit ertönt im regelmäßigen Takt das Kreischen der Euro-Mir-Fahrer; ein kurzer Rausch, ein Kick. Ich lasse diese Erlebniswelt schnell hinter mir und durchfahre die Ortenau. Wie bereits im Neckartal dominieren Maisfelder das Bild der Landwirtschaft. Monotone Monokultur erfährt aber hier einen Wechsel: Von Rust bis Goldscheuer steht der Tabak in voller Reife, so hoch wie der Mais. Die rötlichen Blüten an der Krone lassen die Felder wie ein Blumenmeer erscheinen; es ist der ofengetrocknete Virgin sowie der luftgetrocknete Burleys, der in der Ortenau hauptsächlich angepflanzt wird. Einige Felder sind bereits abgeerntet; es verbleiben die Blattstangen, so als hätten sich riesige Heuschreckenschwärme gerade sattgefressen. Wittenweier, Nonnenweier, Ottenheim. Ein kurzer Abstecher bei entfernten Verwandten mit herzlichem „Wie geht´s?“ und „Weißt du noch …?“, ein kühles Getränk und schon geht’s weiter. Bewusst fahre ich über die mir aus Kindertagen vertrauten Dörfer Schwanaus und Neurieds: Meißenheim, Ichenheim, Altenheim. Die für die Ortenau so typischen Fachwerkhäuser tauchen in der tiefstehenden Sonne in einen stimmungsvollen Rahmen.

Die letzten Kilometer begleitet mich der Rhein. Die Sonne hat sich verabschiedet, aber in der Ferne leuchtet die Passerelle, seit der deutsch-französischen Gartenschau 2004 eines der bekanntesten Wahrzeichen der Brückenstadt Kehl. Die eigens für die Gartenschau umgestaltete Rheinpromenade ist in künstliches Licht getaucht. Spaziergänger genießen das spätsommerliche Flair. Gruppen sitzen in den Wiesen der Promenade, durch die ich mich hindurchbalanciere. Die friedliche Atmosphäre nimmt mich gefangen. Im Rosengarten beendet gerade der Kehler Kultursommer sein Programm. Menschenströme ergießen sich in die Restaurants und Plätze der Innenstadt. Kehl präsentiert sich großstädtisch. Wie geplant, finde ich bei Verwandten Quartier – und ein richtiges Bett. Ich schlafe acht Stunden durch.

Durch das Kinzigtal über Freudenstadt geht es tags darauf mit der Bahn zurück. Ab Horb erlebe ich meine Reise sozusagen im Rückwärtsgang noch einmal. Endstation Metzingen. Für die letzten zehn Kilometer durchs malerische Ermstal schwinge ich mich ein letztes Mal aufs Rad. Als ich die ersten Häuser Bad Urachs erreiche, fängt es an zu regnen. Der erste Regen auf einer abenteuerlichen und unvergesslichen Radtour.