DIE GRÜNEN IN BAD URACH, DETTINGEN, HÜLBEN, GRABENSTETTEN UND RÖMERSTEIN

Aus dem (Rad-)Fahrtbericht eines Berufspendlers.

Magerwiese bei Metzingen

Verfasser: Frieder Zürcher

Bahnhof Metzingen (Württemberg). Ich steige aus der Regionalbahn. Von Reutlingen kommend würde diese als Ermstal-Bahn in genau 15 Minuten direkt zur Endstation nach Bad Urach führen. Ich lasse mir die 45 Radminuten auf dem schönsten Abschnitt des Ermstal-Radwegs nach Bad Urach nicht nehmen; selbst im Winter fahre ich ihn, sooft es möglich ist.

Nur drei Minuten benötige ich, um den östlichen Teil Metzingens zur durchfahren. Dann erreiche ich auf dem ausgewiesenen Ermstal-Radweg ein Neubaugebiet. Die ehemalige Ackerfläche, auf der meist Getreide angebaut wurde, war bis vor einem Jahr die letzte Lücke zwischen Metzingen und dem Stadtteil Neuhausen. Bauliche Monokultur in grau-weiß lasse ich in wenigen Augenblicken hinter mir. Mein Blick erfasst auf der linken Seite die Weinberge Neuhausens mit den schmucken Keltern im Vordergrund. Gärten und Magerwiesen, dazwischen ein Getreidefeld runden das Bild zwischen Siedlung und Weinberg. Die letzten Häuser liegen hinter mir; vor mir öffnet sich eine der reizvollsten Landschaften der Region. Das Ermstal ist Teil einer ausgedehnten Wiesenlandschaft. Streuobstwiesen prägen die mittlere Alb; eine Augenweide in jeder Jahreszeit. Ich durchfahre die für diese Region typischen Kleinfelder, Wintergerste und –weizen stehen bereits kniehoch; dazwischen immer wieder Magerwiesen. Es ist Ende Mai. Der erste Wiesenschnitt steht kurz bevor.

zwischen Neuhausen (Metzingen) und Dettingen (Erms)Es herrscht üppige Farbenpracht, wie sie nur der Frühling hervorbringt: sonnengelber Hahnenfuß zwischen dem ersten bereits verblühten Löwenzahn. Die rosa, bisweilen roten kugeligen Blütenköpfe des Wiesen-Klee bilden einen harmonischen Übergang zur blauvioletten Blütenkrone der hochgewachsenen Acker-Witwenblume und dem blau-violetten Wiesen-Storchschnabel. Ich bleibe stehen; lasse das Bild auf mich wirken; eine Gruppe Radfahrer jagt an mir vorbei; ein kritischer Blick auf den digitalen Assistenten am Handgelenk. Zwischen den Obstbäumen erkenne ich die ersten Häuser Dettingens, ein Neubaugebiet, vor wenigen Jahren erschlossen. Es grenzt unmittelbar an die Kreisstraße K6712, die nach Kappishäusern führt; somit die letzte Baufläche im Westen des reizvollen Kleinstädtchens. Meine Augen streifen graue Garageneinfahrten. Grauer Schotter in allen Schattierungen ersetzen Grünflächen. Wo Grünflächen vorhanden sind, gleichen sie blumenlosen Teppichen, die nur zum Mähen betreten werden. Zwischen grauem Schotter stehen graue Stelen; eine Kugelpflanze oben drauf; immergrün. Die Stelen erwecken in mir die Erinnerung an eine Gedenkstätte. Es wirkt farblos, steril, leblos. Insektenleben mit System verbannt.

Nach dieser grau-weisen Baukultur atme auf. Ich durchfahre den Baustil der 1960-1980er-Jahre Dettingens. Mein Blick haftet an den bunten Vorgärten. Alle Farben, die der Frühling nur bieten kann, sättigen meine Augen. Hier lebt die Wiese vor dem Haus als Blumenwiese. Gänseblumen und Margeriten haben hier ein dauerhaftes Bleiberecht. Die Blumenwiesen beherbergen hier und dort Obstbäume und farbenfrohe Stauden, der Ziergarten teilt sich die Fläche mit dem Nutzgarten. Bienen finden hier ein Zuhause und auch Nahrung. Unter den Bohnenstangen sehe ich die ersten Blätter der Prunkbohnen zaghaft aus dem Boden schauen. Bewusst langsam durchfahre ich diese liebevoll gepflegte Siedlung; ich staune und genieße gleichermaßen. Nun folgen die Häuser früherer Jahrzehnte, meist schmuck hergerichtet und modernisiert. Große, schön restaurierte Tore bilden die Zierde vieler Häuser; Zeitzeugen einer vergangenen Epoche. Vor einigen Jahrzehnten parkten hinter ihnen noch die Traktoren.

kurz vor Bad UrachDen Ortskern von Dettingen lasse ich rechter Hand liegen und erreiche direkt den östlichsten Teil mit den Sport- und Schwimmanlagen des sogenannten Neufelds. Zwischen Dettingen und Bad Urach setzt sich die Streuobstwiesenlandschaft fort. Der Charakter des Ermstals ändert sich; es wird hügeliger. Die Offenheit des Tals zwischen Metzingen und Dettingen gleicht fast einer Tiefebene. Nun aber wird das Tal enger, bevor es sich im Osten Bad Urachs fasst schließt. Vier Albaufstiege kennzeichnen die Kurstadt. Streuobst entlang der sanften Hügel dominiert die Landschaft; der Stolz der Region. Äpfel und Birnen werden hauptsächlich zum beliebten Most verarbeitet; nur einige Sorten dienen als Tafelobst. Die Kirschbäume sind längst verblüht; ein Kälteeinbruch während der aufbrechenden Blüte hat den Kirschblüten wie auch den Reben ordentlich zugesetzt. Die Burgruine Hohen Urach ist jetzt ständig in meinem Blickfeld; eine Perspektive für unzählige Bilder und Fotos.

Mein Blick fällt rechts hinunter zum Flüsschen Erms, nachdem auch das malerische Tal benannt ist. Dahinter habe ich vollen Einblick auf die Bundesstraße 28. Diese, zusammen mit der Industrieansiedlung entlang der Bundesstraße, zerschneidet jäh den Reiz der Landschaft; 28.000 Berufspendler quälen sich hier täglich in stop-and-go durch Bad Urach, das, bedingt durch dessen besondere Lage der „Flaschenhals“ des Ermstals bildet. Parallel zur Bundesstraße führen die Gleise der Ermstal-Bahn, Hoffnungsträger der verkehrsmäßig völlig überlasteten Region. Die Strecke der über 20 Jahre alten Ermstal-Bahn soll als erstes Modul in das geplante Großprojekt „Regionalstadtbahn Reutlingen“ einbezogen werden. Halbstundentakt anstelle des Stundentakts, Elektrifizierung anstelle bisheriger Dieseltriebwagen. Die Planer erwarten nach der Realisierung des ersten Moduls einen Fahrgastgewinn von 25% für die Ermstabahn. Dieser Zugewinn erscheint zunächst sehr erfreulich. Prognosen des Bundesverkehrsministeriums sind jedoch ernüchternd: 10% Zuwachs im Individualverkehr, 39% Zuwachs im Gütertransport auf den Straßen bis 2030. Erwartete Erfolge werden dadurch mehr als kompensiert. Zurückhaltender Optimismus hinsichtlich einer Verkehrsentlastung durch das Großprojekt ist angesagt.

Der Radweg führt mich abschüssig in den Bad Uracher Ortsteil Breitenstein, in dem das Kurgebiet liegt. Meine Fahrt endet; wieder eine kleine Entdeckungsreise zwischen den Welten.