DIE GRÜNEN IN BAD URACH, DETTINGEN, HÜLBEN, GRABENSTETTEN UND RÖMERSTEIN

Ach du liebe Zeit …

… wo ist sie nur geblieben, das kostbarste Gut, eben die Zeit! Eigentlich ist es ja paradox, angesichts so vieler Helfer und Helfershelfer, die den Tag verlängern. Wer muss denn beispielsweise für seine Wäsche heute noch zum Bach hinunterlaufen? Während die Maschine läuft und sie meinem Zeitkonto ein dickes Plus addiert, sitze ich bequem am PC, um Briefe zu schreiben, die ich nicht mehr zeitaufwändig zum Briefkasten tragen muss. Und weil gerade schon online, erledige ich gleich noch meinen Zahlungsverkehr und buche nochmals Zeit auf die Habenseite, während der Kaffee durchläuft, den ich nicht mehr zeitraubend aufbrühen muss.

Jeder könnte auf der Stelle seine eigene Zeitmeditation ergänzen und dann staunend fragen: wo ist das dicke Plus auf dem Zeitkonto geblieben und wo (oder womit?) hat es sich in ein Minus verwandelt, dem ich permanent hinterherlaufe?

Es gibt wohl keine Gruppierung, die darüber nicht längst eine wissenschaftliche Abhandlung herausgegeben oder einen Vortrag gehalten hätte: die Philosophen wie auch die Theologen. Und endlich ist es auch als Politikum erkannt worden.

Bereits 2015 hat der Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen Zeitpolitik zu einem Themenschwerpunkt des Jahres gemacht. Inzwischen gab es bereits Zeitpolitische Kongresse und es wurde eine AG Zeitpolitik gegründet. Ziel der Bemühungen, das Thema Zeit auf die politische Ebene zu heben, ist die Erarbeitung zeitpolitscher Instrumente: so würde z. B. das „Zeitguthaben für die unterschiedlichen Lebensphasen“ (Zeit für Kinder, für die Pflege, für Um- und Weiterbildung und fürs Auftanken) ein rechtlicher Anspruch auf Zeit festschreiben. Oder das „Zeitbüro“ als ein Instrument der Kommunalpolitik nach dem Beispiel vieler italienischer Kommunen. Im Dialog mit dem Bürger prüfen sie unter anderem, ob die Müllabfuhr anders arbeiten oder das Schwimmbad früher öffnen kann, um die Rushhour zu entzerren. Oder der „Arbeitszeitkorridor“. An die Stelle der etablierten 40-Stunde-Woche mit fixem Arbeitsbeginn könnte eine flexible Vollzeitwoche treten, in der zwischen 30 und 40 Stunden gearbeitet würde; auch mal von zuhause aus. Wenn es weiterhin dabei bleibt, dass Berufspendler unterwegs sind, während gleichzeitig das öffentliche Leben losgeht, wird es bei verstopften Straßen bleiben und die Zeit bleibt ebenfalls auf der Strecke.

Gegenwärtige Generation leidet unter einer selbstzerstörerischen Neurose: permanenter Stress durch Überforderungen am Arbeitsplatz, permanente Überforderung durch den nicht mehr zu bewältigenden Wohlstandsmüll, der Kopf und Seele erdrückt. Wir kommen nicht mehr zur Ruhe! Noch nicht einmal zur Ruhe, das Erarbeitete zu genießen. Auch die Flut an Informationen und Freizeitmöglichkeiten wirkt erdrückend. Doch: WER ZEIT HAT, BESITZT DAS KOSTBARSTE GUT. Er genießt das größte Privileg, er kommt zur Ruhe, erlebt schöpferische Momente, erlebt möglicherweise sogar das, was unserer Generation völlig abhanden zu drohen scheint, nämlich Zeit zu haben, um diese zu teilen.

Warum haben wir denn keine Zeit mehr? Eine Antwort liegt in dem Umstand, dass unsere Zeit durch die Finanzierung eines hohen Lebensstandards gebunden ist, der häufig auch nur durch einen Doppelverdienst erwirtschaftet werden kann. Weil die Zeit nun einmal fehlt, das zusätzliche Gehalt aber vorhanden ist, wird die Gartenpflege einem Dienstleister überlassen, wird das Fahrrad in die Reparaturwerkstatt gebracht; subsistenzielles Handeln, das früher wie selbstverständlich zum Alltag gehörte und nun aus dem Bereich der Familie „out-gesourct“ und damit zugleich finanziert werden muss. Was für ein Paradox!

Einer der wirksamsten Auswege aus diesem Kreislauf hieße Teilzeit! Was geschähe aber, wenn plötzlich 30% des Familieneinkommens wegbrächen? Liegt die Antwort vielleicht in einigen Gegenfragen? Was würde eine Familie sparen, wenn der Zweitwagen wegfiele, der für den Doppelverdienst benötigt wird? Was könnte eingespart werden, wenn Urlaub nicht zugleich mit Urlaubsflug verbunden wäre? Wie hoch wäre der Gewinn, wenn die kleinen handwerklichen Arbeiten, die zur Subsistenz (Selbstversorgung) beitragen, wieder selbst verrichtet würden? Dieser Gewinn ist nicht nur in Geld zu messen, sondern in Form von sozialen Kontakten und Vernetzungen; eben gerade jene Lebensform, die zu Gesundheit, Glück und Wohlbefunden erheblich beiträgt. Und genau hier liegt eine völlig neue und geradezu befreiende Sichtweise der Suffizienz (Beschränkung auf das Wesentliche). Es ist eben nicht der Verzicht, der im Vordergrund steht, sondern die große Chance des Gewinns an Lebensqualität, wenn ich mich befreie vom überflüssigen Ballast einer Konsumgesellschaft. Wenn die Abhängigkeit vom monetären Einkommen sinkt, entstehen eben erst jene Freiheiten, die für die persönliche Entfaltung existenziell wichtig sind: ehrenamtliche, gemeinwesenorientierte, pädagogisch und künstlerische Betätigungen. Hier, in genau diesem nicht-materiellen Raum, liegen Glück und Sinnerfüllung verborgen, die der Mensch glaubt im Anhäufen materieller Güter zu finden.

Welche Lehre aus Ihrer Arbeit würden Sie einem jungen Menschen mitgeben?“, wird die zur Stromrebellin geadelte Gründerin der Genossenschaft Bürger-Energie-Berlin Luise Neumann-Cosel, gefragt. „Ganz einfach: Loslegen! Wir haben Verantwortung für die Welt und es ist nicht nur ein Privileg, sondern auch beglückend, etwas Sinnvolles machen zu können.“

Die eventuell notwendige Kompensierung fehlender Einkünfte könnte durch die Entdeckung, Förderung oder Entwicklung einer in der Gesellschaft inzwischen mehr und mehr sich ausbreitenden Subsistenz-Kultur und Sharing-Ökonomie am eigenen Wohnort geschehen. Gemeinschaftsgärten und Repair-Werkstätten sind nur zwei von vielen Gesichtern dieser Kultur. Hier liegt das enorme Potenzial: das von unten entstehende Fundament für die Umgestaltung einer Wachstumsökonomie hin zu einer werteorientierten Post-Wachstumsökonomie.

Verfasser: Frieder Zürcher